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Englische Novellisten. I. : Charles Dickens.
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Regel sehr drastisch, aber es bleibt doch immer nur eine Reihe voll Variationen über das nämliche Thema und mnß zuletzt ermüdeu und den Eindruck der Un­wahrheit machen; denn wenu es auch Meuscheu gäbe, die wie Peksniff, Ehester (in Barnaby Rudge), Uriah Heep (in Copperfield), Advocat Braß (in Humphry's Wanduhr), n. s. w., die Lüge und Heuchelei so zu ihrer zweiten Natur gemacht haben, daß sich dieselbe überall hervordrängt, wo sie anstreben mögen, so empfinden wir in der Darstellung doch die Uuwahrheit, deun wir wissen aus der Beobachtung des Lebens, daß nie ein Meusch iu eine Abstraction auf­geht. Es kommt uns immer so vor, als ob diese Charaktermasten sich jeden Augenblick vor dem Pnblicum in Positur stellen, um es durch auffallend groteske Sprüuge darauf aufmerksam zu machen, daß jetzt ein besonders charakteristischer Zug kommen wird. Eine andere sehr häufig wiederkehrende Figur ist der eingefleischte Selbstsüchtige, und wie dem Schatten des Heuchlers jedesmal als Contrast eine Reihe gerader, lebendiger Tagesnatureu gegenübergestellt wird, so dem hartherzigen Egoisten ein gefühlvoller Mensch, der aber nie so völlig in Thränen und Rührung aufgeht, wie bei Jean Paul. Freilich sucht auch Dickeus zuweileu mit unkünstlerischem Behagen auf die Thräueudrüsen zu wirken, aber die Empfindungen, die er dazu benutzt, sind an sich weder uuwahr noch uuschön; seine Thränen strömen aus dem Herzen, nicht wie bei Jean Panl ans dem Kopf. Außerdem weiß er Härte, soweit sie mit Männlichkeit zusammenfällt, sehr wohl zu schätzen; seiu Martin Chuzzlewit z. B. ist ein interessanter Versuch, die Selbst­sucht durch Cultur in ihr relatives Recht einzusetzen; daß ihm eine empfindsame Natur gegenübergestellt wird, ist nicht zn tadeln. Die Rührung ist immer die bequemste Erholung des Gemüths von der Erschöpfung des Lachens; ein gemüth­loser Humorist wird zuletzt langweilig. Am häßlichsten wird diese abstracte Charakterbildung, weuu sie der Satire dient. Dickens hat sich zuweileu berufen geglaubt, durch seiue Muse eiueu directeu Nutzen zu stiften; er hat z. B. im Oliver Twist die Waisenhäuser, im Nickleby die wohlfeilen Landschulen einer unbarmherzigen Satire uuterworsen. Ob er seinen Zweck erreicht hat, mag dahin­gestellt bleiben; ästhetisch ist diese Manier nicht zu rechtfertigen. ,

Neben dieser Charakterbildung, die, wenn auch mit uoch so viel Geschick ausgeführt, doch eigentlich immer zu Carricatureu verleitet, geht eiue audere Form. Dickens hat ein wunderbar scharfes Auge für die kleinen Züge, iu deuen das Gemüth sich äußerlich darstellt. Jean Paul hat es auch, aber er weiß, was er gesehen hat, nicht verständlich wiederzugeben; wir müssen uns seinen Jargon erst in die gebildete Sprache übersetzen. Dickens hat die Sprache so weit in seiner Gewalt, daß er stets den Eindruck macht, deu er beabsichtigt; außerdem bietet ihm das britische Volksleben eine solche Mannigfaltigkeit freier Originale, daß man sie bei unserm verkümmerten Volk vergebens suchen würde. Diese Detailanschauuugen, die immer brillant sind, combinirt er nun zu Figuren, die häufig nichts weiter

Grcnzvoten. I. 1851. . 22