374
über welche im vorigen Jahrhundert die gesammte Akademie i» sprachloses Entsetzen gerathen wäre, fallen heute Niemandem mehr ans. Wenn man Michelct, Quinet und Aehnliche liest, so glaubt man sich vollständig auf Deutschem Boden. Diese Veränderung der Sprache, zn der freilich anch die romantischen Dichter viel beigetragen haben, ist doch vorzugsweise ein Werk der Journalisten; aber anch in dieser Beziehung stehe ich wenigstens nicht an, der altfranzvsischen Sprache den Vorzug zu gebe». Die Babylonische Verwirrung in den Gedanken nnd Bildern, die grenzenlose Unklarheit, der gegenstandlose Witz uud das verschwimmende überschwengliche Gefühl, das heute iu Paris Mode ist, geben nicht die geringste Hoffnung zu einer gesunden Entwickelung. Der alte Classicismus, d. h. der gesunde Meuscheuverstand uud das natürliche Gefühl, mittlerweile von der übergroßen Nüchteruheit des vorigen Jahrhunderts geheilt, wird sich zunächst in der Form der Wissenschaft und auf der Tribune gegen diese romantische Verwirrung erheben, denn sie ist ein fremder Tropfen im Französischen Blut.
Zigeuner und Mnsikbanden in Ungar«.
Ich muß vor Allem als gutgesinnter Staatsbürger Gesammtöstreichs aus deu allgemein bekannten, aber zu wenig gewürdigten Umstand aufmerksam macheu, daß das Polyglottenthum des Olmützer Gesammtstaates sich nicht nur auf die Zungen, sondern auch auf die Kehlen und Saiten erstreckt. Die Musik Italiens ist lächelnd, wie das Blau seines Himmels nnd schäkernd wie der Mnthwille seiner Franen. Ein Ungarischer Schriftsteller nennt Italien einen zerrissenen Triller, dessen Bruchstücke dem Fremden als freches Gejohle erscheinen, und der mir in dem Bnsen seine Würdigung findet, dem er in künstlerischer Vollkommenheit entsprungen ist. — Die Gemüthlichkeit des Oestreichers, Steiermärkers und Tyrolcrs offenbart sich in seinem jovialen Gejodel und dem gleichgiltig-sorglosen Ländler. — In der Polka und Krakovienne scheint der Pole das Vernichtnngsurtheil der Großmächte Lügen zu strafe». Der Böhme ist das musikalische Universalgenie der Oestreichischen Monarchie; er hat keine eigene, nationale Mnsik, aber er wandert mit seiner Flöte/ Hoboe oder Geige über die Karpathen wie über das Erzgebirge, und ergötzt Ungarn, Polen nnd Deutsche mit ihren nationalen und auch classischen Tonstückeu.
Ungarn für sich- ist kein octroyirtes, aber von Natnr und Geschichte hervorgebrachtes, und durch die geographische Lage nothwendig gewordenes Gesammt- vaterland mehrerer Volksstämme, die über kurz oder lang zn der Einsicht gelangen müssen, daß der Zweck des staatlichen Zusammenlebens: die Veredlung des Individuums wie der Gattung, weder durch nationale Suprematien, noch dnrch lächerliche Geltendmachnng eines oder des andern Duodezvölkchens erreicht wird. —