Beitrag 
Von Babylon und Jerusalem.
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daß es zu Zeiten erliegen möchte vor einer geheimnißvollen Traurigkeit." Das gilt aber nicht blos von der absoluten Liebessehnsncht, sondern von jener falschen Richtung unsrer Zeit, die uus einreden will, der Meusch sei nur da, zu genießen oder zu leideu, zu liebeu oder zu trauern; eine Richtnng, die aber keineswegs Protestantisch, sondern im extremsten Sinne katholisch ist, da der Protestantismus uns sehr energisch einprägt: der Mensch ist da, nm seine Pflicht zn thun. Die Gräfin hat daher sehr recht, obgleich in einem andern Sinne, als sie es meint, wenn sie von sich selbst sagt:Es kommt mir vor, als sei meine Seele von jeher eine schlafende Katholikin gewesen. Im Schlaf ist man nicht zurechnungsfähig; da ziehen die wunderlichsten Träume, die unsinnigsten Vorstellungen, die zusammen- hanglosesten Bilder au uns vorüber.... Als meine Seele wach wurde, fand sie sich katholisch, denn Alles, was die Protestanten lehrten, hat sie nie begriffen, nie sich zur Nahrung machen können." Das ist sehr erklärlich, denn die Pro­testanten sprechen von Pflicht, und die Katholiken singen von Liebe nnd Gnade. Ganz zum katholischen Wesen gehört auch der maßlose Stolz, den sie an sich selber sehr richtig schildert:Nichts und Niemand imponirte mir oder blendete mich, Allem und Jedem stellte ich mich höchst bestimmt und gelassen gegenüber und dachte: Du bist Du, uud ich bin ich, nnd nun wollen wir mit einander reden. Ich war wie verzaubert in mein Ich, und wußte von keiuer Art von Autorität." Daß eine solche Stimmung viel eher dahin gebracht werden kann, sich mit blinder Anbetung vor den dunkeln Wetterwolken einer höhern Macht niederzuwerfen, als sich mit Respect und bescheidenem Streben der Wirklichkeit anzuvertrauen nnd erst mit Anstrengung und Hingebung zn lernen, ehe sie ihr Urtheil spricht, liegt in der bekannten Wahrheit, daß die Extreme sich berühren. Das maßlose Selbst­gefühl phautasirt uud schwindelt sich leichter iu eine maßlose Ehrfurcht hinein, als daß sie sich mit wirklicher Anfvpsernug iu sie hineinarbeitet. Das Herz, das sich nnr auf sich selber bezieht, fühlt sich unbefriedigt und weiß sich nicht anders zn helfen, als daß es in glühenden Bildern anticipirter Glückseligkeit schwelgt, die seine eigene Größe ihm bereiten wird.Ich werde noch einmal Etwas thun, worüber die Welt gauz anders erstaunen wird, als daß ich Faustiue geschrieben habe," rühmte sie in demselben Augenblick, wo, wie es ihr häufig zu geschehen pflegte,neben dem Gefühl unermeßlichen Glückes die gründlichste Unbefriedigt­heit in dem Gewände einer ganz übermenschlichen Langenweile auftauchte." Eitel­keit und Langeweile, das sind die besten Motive znr Apostasie. Schon häufig hatten vereinzelte Anschauungen vom Katholicismus, dessen Glanz und Schimmer sich einer halbreifen Bildung leichter'aufdrängt, als ber protestantische Ernst, sie mit bequemem Eutzückeu erfüllt; in ihrem BucheJenseits der Berge" schwärmte sie, weun auch mit frivolen Beimischungen, für die grandiosen Trümmer der Römischem Kirche; vom Berge Karmel ans schrieb sie au ihre Freunde in der Manier Chateaubriand's nnd Lamartine's, wie es die ästhetische Convenienz