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durch die Durchführung des Chatti-Scherifs von Gülhane erleichtert. Dieser unselige Chcitti-Scheris hat bisher Niemandem mehr geschadet als den Christen, zu dereu Gunsten er doch gegeben ist; denn der durch denselben aufgestachelte Haß der Muhamedaner hat dessen gründliche Durchführung um so leichter verhindern können, als es damit dem Divan bisher durchaus uicht Ernst schien. Diese Schwäche wußten die türkischen Juristen nnd Staatssophisten zu ihrem Vortheile zn benutzen, uud bedrückteu und bedrängten die Raja im Namen des Islam und des Propheten. Freilich getraute sich nnn der Divan nicht, für die Ungläubigen Partei zu nehmen und überließ sie ihrem Schicksale, obwol die Christen auf ihre Klagen und Vorstellungen honigsüße Antworten erhielten. Es ist aber Omer-Pascha Ernst um die Raja; er kennt ihre Wichtigkeit zum Fortbestande der Pforte, und reformirt ohne Rücksicht auf die Neactiou, welche sich dagegen sträubt und ihn einen halben Dschaur nennt. Möglicher Weise gelingt es ihm noch, den drohenden Zerfall des OsmanenreichS auf eine Zeit lang hinauszuschieben; wenn dies irgend möglich ist, so ist Omer-Pascha der Mann dazu. Er wird dadurch eiue der iuteressautesteu und bedeutendsten Persönlichkeiten der Gegenwart, und verdient die höchste Beachtung Europas. Ich schließe mit den Worten, die ich bei einer andern Gelegenheit an einige Tnrkophilen gerichtet habe: „Der Keim der organischen Zersetzung des oömanischen Reiches ist nun einmal da und kann nimmer entfernt oder vernichtet werden; es handelt sich hierbei nur, ob diese Zersetzung noch nnd wie lauge sie aufgehalten werden könne."
Zwei Bekehrungen.
Die alleinseligmachende Kirche hat in der jüngsten Zeit in der deutschen Schriststellerwelt wieder zwei illustre Acguisitionen gemacht, die Gräfin-Hahn-Hahn und den Herrn von Florenconrt. Hoffentlich werden bald noch einige nachfolgen, denn es treibt sich noch eine ganze Zahl verkümmerter Gemüther, die in sich selbst keinen Halt des Glaubens finden, zwischen Himmel und Erde hernm, nnd sucht den sichern Punkt, von dem aus sie die Wirrnisse dieser Welt überschauen könne. Mehr uud mehr nähert sich das reactionaire Vollblut dem alten Kaiserhanse Ferdinand's II., und wenn unsre Kreuzzeituugeu auch uoch hin und wieder von dem Dämon Alten-Fritzischer Erinneruugeu ersaßt werde«, so bricht sich der Geist der Buße doch lebhaft genug Bahu, um der letzten Wnrzel der revolutionairen Gesinnung auch in dem eigenen Herzen nachzugehen. Die gesammte Reaction wird allmählig dahin streben müssen, sür ihren Bruch mit der Revolution ein gemeinsames Symbol zn suchen, nnd sie wird es im Kaiserthum und in der