Die Grenzboten
Politik, Literatur und Kunst
81. Jahrgang, Dezember 1922 Nummer Nr. 4S bis 48
Ein Mschiedswort.
Noch im Oktober dieses Jahres hofften wir, unsere „Grenzboten" glücklich mn alle Klippen herumsteuern zu können. Heute bereits sehen wir ein, daß dies nicht möglich ist. Trotz aller Opferwilligkeit des Verlages, trotz aller Treue unserer Leserschaft hat sich die Macht der Verhältnisse als stärker erwiesen. Wohl haben die „Grenzboten" in ihrem mehr als 80 jährigen Bestehen niemals zu den Zeitschriften gezählt, die ihren Verlegern außer der ideellen Befriedigung, an einem guten vaterländischen Werke mitzuhelfen, irgendeinen nennenswerten materiellen Ertrag gebracht hätten. Angesichts der jetzt ins Vielhundertfache ange- stiegenen Herstellungskosten mußte aber auch weitgehende Opferwilligkeit ihre Grenze finden. Ein Organ der öffentlichen Meinung, seit Jahrzehnten ein Hort liberaler Gesinnung, jedoch frei von jeder Parteibindung, konnte nach ehrenvoll erfüllter Lebensaufgabe nichts anderes für sich beanspruchen, als ein ehrenvolles Ende. Langsames ^erkummern, wie es unausbleiblich gewesen wäre, rühmloser Abstieg durste nicht das Los einer Zeitschrift werden, die von den Tagen Gustav Freytags und Julian Schmidts bis in unsere Zeit hinein sicher und aufrecht ihren Weg gegangen war. Unter welchen Wandlungen, politischen und literarischen Einflüssen er sich vom Gründungsjahre 1841 an vollzog, wurde unseren Lesern im Frühjahr dieses Jahres (Doppelheft vom 31. März) ausführlich geschildert.
Wenn wir heute Abschied von einer Leserschaft nehmen, mit der wir uns nicht nur äußerlich verknüpft, sondern innerlich verbunden fühlten, so geschieht es mit dem aufrichtigen Schmerz darüber, als eines der vielen Opfer von Deutschlands geistiger und materieller Not fallen zu müssen, zugleich aber auch mit der festen Ueberzeugung, daß den „grünen Heften", die beinahe drei deutschen Generationen politische und kulturelle Berater sein durften, ein treues Andenken nachfolgt. So bleibt uns endlich als letztes Empfinden der Dank an alle, die uns durch Kampf und Sturm, durch Freud und Leid bis zum bittren Ende begleitet haben.
Verlag und Schriftleitung der „Grenzvoten".