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Schicksal und Arbeit der baltischen Deutschen.
Von Carl Meißner (Berlin).
Vom baltischen Deutschtum ist nie sehr tiel in der Welt gesprochen worden. Dos liegt zum Teil an der eigenen zurückhaltenden Art der Balten, denen das Klagen und Jammern nicht liegt und liegt serner an seltsam schwer ausrottbaren falschen Wegrissen und Fehlurteilen über sie. Da verband man zunächst mit dem Schlagwort vom „baltischen Baron" den Begriff des Ueberlebten, Reaktionären. Nun abgesehen davon, daß diese baltischen Barone, d. h. der baltische Adel, nur 10 v. H. des baltischen Deutschtums ausmachten, war, was sie im Laufe des vergangenen Jahrhunderts für die allmählige Heranbildung eines gesunden estnischen und lettischen Bauernstandes getan hatten, nicht nur der Entwicklung in Rußland selbst, sondern sogar zum Teil der Entwicklung in Preußen voraus. In Kurland gaben die deutschen Herren aus dem Gesühl ihrer sittlich-sozialen Pflicht ihren lettischen Bauern 1817 persönliche Freiheit bei Schvllenpflichr, 1833 Freizügigkeit, 184S statt Arbeitspacht i Geldpacht, 1863 — im Jahre, da im übrigen Rußland die verhängnisvoll plötzliche Bauernbesreiung geschah — auch das Eigentumsrecht. Die Zahlen für Livland und Estland sind ähnlich. Die Weiterbildung dieser liberalen Resormen wurde dann vom Zarismus gehindert.
Eine andere Zahl spricht noch besonders stark. 1881/82 hatte Rußland ungefähr 76 v. H. Analphabeten. In Livland aber, wo, als die Russen dann die Schule rufsifizierten, der Prozentsatz schnell auf 30 v. H. wieder anstieg, hatte das Schulwesen, das von den Deutschen, den Esten und Letten und in deren eigener Sprache entwickelte Schulwesen, die Analphabeten auf 2 v. H. heruntergearbeitet! — „In deren eigener Sprache": das enthält den zweiten Vorwurf der den baltischen Teutschen gemacht wird. Warum haben sie nicht rechtzeitig Esten und Letten germanisiert? Die zwiefache Antwort kann schlich: sein. Sie waren nie mehr wie 1l) v. H. in den Baltenlanden, das hätte bedeute: sich selbst aufzugeben! Und ihr stark entwickelte? Rassegefühl achtete nichr nur bei sich selbst, sondern auch bei Esten und Letren die an die Sprache gebundene Stammesart. Teutichkultiviert haben sie bereitwilligst und manche kuliurwillige esrische und lettische Familie ist in ihnen ausgegangen. Bis auf den Volksboden herab germanisiert haben sie aus guten Gründen nicht.
T^ese Dinge, die heute nur noch in der Kritik anderer Deutscher den Ballen schädlich sind, sind ?a nun erledigte Vergangenbeil. Der Weltkrieg hat neue minoerbeachrete Tatjachen geichassen. Ebenso wie Polen nur durch die deutsche Eroberung die Möglichkeit bekam sich von Rußland loszureißen, ebenso sind die Randslaaten Estland und Lirland das letzie Ergebnis unserer Besetzung Kurlands und dann Livlands und Estlands. Für die baltischen Deutschen aber wurde dos nach Zeiten neu erwachier großer Hoffnungen zum tragischen Schicksal. Als das Deutsche Reich die besetzten und verwalteten Lande aufgab, schützie keine staatliche Macht mehr ihre Rechte. So wurde denn in dieser ungeheuren Leidenszeil deuischer Volksgenossen ihr Geschick das härteste von allen. Sie waren und sind der nackten Machtgier und Rachsucht der Majorität, der zwei nniereinander feindlichen Lande, Latvija und Eesti ausgeliefert.
Das Lberbaupt der Vollsreriretung, der estnijche Parlamenispräsident Kutt, Hai noch jüngst in einer iulminanten Rede festgestellt: „Die Grundlage der deutschen Macht — die Güter — ist durch die Agrarreform vernichtet