Die Grenzboten
Politik, Literatur und Kunst
81. Jahrgang, 23. September 1922 Nummer 35/36
Parteilose Besinnungen über den Staat.
Von Emil Engelhardt (Elgersburg). (Schluß.)
Wir müssen das Mögliche wollen. Es gilt heule wieder das Wort Fichte's: „Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten eines nichtachtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiß sogar über die Gebühr verachteten Geschlechtes . . . oder ob ihr der Ansang sein wollt und der Entwicklungspunkt einer neuen, über alle Vorstellungen herrlichen Zeit".
Sind wir nur die Erfüllung der Vergangenheit und ihrer Fehler? Oder sind wir die Anfänge einer Zukunft, weil wir Möglichkeiten schassen? — Hier muß einmal unerschrocken die Frage der Monarchie angepackt werden. Sie ist heute nicht möglich. Es fehlt ein Monarch, den die überwiegende Mehrheit des Volkes als Führer bejahen würde. Gewaltversuche schaden nur unheilbar. Im Gründungsprogramm der süddeutschen Neichspartei vom 12. Juni 1867 heißt es: „Es genügt in einer Zeit großer staatlicher Umwälzungen nicht, lediglich an hergebrachten Gesetzen festzuhalten und zugunsten einer einfachen und bequemen Tradition die neuen und mannigfaltigen Verhältnisse der neuen Zeit unbeachtet zu lassen". Der bayerische'Ministerpräsident Graf Lerchenfeld Hat auch sehr vieler Monarchisten Zustimmung, wenn er feststellte, daß eine Monarchie unter heutigen Verhältnissen auf sehr absehbare Zeit nicht möglich ist. Es heißt unpolitisch handeln, wenn man deswegen auch die Republik verneint. Wem das Leben des Volkes und Staates höher steht als die Form, in der es sich abspielt nnd auswirkt, der wird sagen müssen: zuerst unter allen Umständen Staat. Also zunächst eine charaktervolle, starke, gesunde und vornehme Republik, damit Deutschland überhaupt am Loben bleibt. Also zunächst ehrliche Demokratie, die für uns mit Arndt eine Staatsform ist, in der alle herrschen können, „welchen Gaben der Herrfchaft gegeben sind". Aber es ist heute Gefahr, daß man darüber den Zusammenhang mit dem geschichtlich Gewordenen verliert. Vielleicht ist die demokratische Monarchie nn Sinne Arndt's die Form, welche der deutsche Staat einmal finden wird, ähnlich Schweden oder England, ohne es nachzuahmen. Doch