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Literarischer Wegweiser.
Karl Henckells „Gesammelte Werke"*).
Anfangs der neunziger Jahre erschien eine Sammlung von Gedichten Henckells „A us meinem Liederbu ch" (München, Verlag von Dr. Albert n. Co.), die ich noch heute für die eigenartigste des Dichters halte. Sie zeigt ihn in selbständiger Frische und Unmittclbnrkeit deß Empfindens und Ge- staltens. Ich erinnere mich oft gern der erhebenden Freude, mit der ich damals diese zumeist echt lyrischen Gedichte gelesen habe, und ich stehe noch heute unter diesen Eindrücken. Vorher hatte Henckell schon eine Reihe von Gedichtbüchern herausgegeben, die seinen Ruf als sozialen Lyriker begründeten. Diese. Gedichte entsprachen ganz dem Geiste der Zeit nnd der damaligen Kampflyrik, auch in ihrem formalen Wesen. Aus dieser Zeit heraus muß man den Dichter verstehen, mag die Kunst jener Jahre hc>ute auch im allgemeinen, der Form und ihrem Wesen nach, wenig künstlerisch anmuten. Ihr temperamentvollstes Zeugnis — auch dichterisch von eigenlebendigem, individuellstem Gehalt — bleibt Arno Holz „Buch der Zeit". Auch Henckell war einer der geborenen Repräsentanten seiner Zeit. Sein ganzes Dichten ist mehr dem Menschen und seiner Zeit zugewandt, dem Erleben in der Zeit als einem von aller Zeit abgelösten Empsinden und reinem künstlerischen Gestalten. Leben, Politik, soziale Verhältnisse, persönliche Stellungnahme zu den ethischen nnd sozialen Ideen der Zeit, zu den Programmen der Partei, zu den Taten der Regierung, zum gesellschaftlichen Treiben — alles dies spiegelt sich immer wieder in Henckells Lyrik.
Der Dichter hat sich, wie er in einem biographischen Ueberblick im ersten Bande der jetzt erschienenen vierbändigen Gesamtausgabe „Gesammelte Werke" erzählt, sein freiheitliches Empfinden und auch sein deutsches, im besten Siuue soziales und nationales Empfinden trotz Krieg und Revolution bewahrt. Er sagt hierüber selbst: „Die wesentlichen Elemente einer in Gefühl und Erkenntnis wurzelnden Sinnesart, wie sie längst vor Ausbvuch des Krieges mir eigen war, hielten schließlich doch dem wahnsinnigen Wirrwarr des allgemeinen Zusammenbruchs stand und sammelten sich allmählich mit verdoppelter Krast der Selbstbejahung. Das Ideal der Freiheit, wie es so manchen meiner Kampfgesänge leidenschaftlich durchdringt, hat nicht Schiffbruch gelitten, dos Gestade von Neuland taucht wieder im Nebel auf. Wir wollen Wie das Heimchen sein, das an Bord des Colnmbus auch der irregewordenen Bemannung in tiefster Verzagtheit die Nähe der gesuchten Erde verkündet . . ."
Das Lcbenswerk des am 17. April 1864 zu Hannover geborenen und in späteren Jahren lange Zeit in der freien Schweiz verweilenden und jetzt nach München übergesiedelten Dichters liegt nun in der erwähnten „ersten kritischen
*) Verlag von I. Michael Müller, München, 1921. — Vier stattliche Bände, versehen mit vielen Bildern von modernen Meistern wie Max Klinger, Ludwig v. Hofmann. Albert Weltli, Karl Stauffer-Bern, Arnold Böcklin, Adolf Menzel, Fidus, Hans Thoma, Heinrich Voegeler-Worpswsde — alle in vortrefflichen Nachbildungen — und mit Notenbeilagen, Briefen nnd Bildern von Freunden des Dichters. Durch dieses Beiwerk erhält die schöngedrnckte Ausgabe einen besonderen künstlerischen nnd intimen Wert. Doch die Wiedergabe von persönlichen, zum Teil recht nichtssagenden Briefen wird nicht jedem Geschmack entsprechen.