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Kolonisation und Nomantik.
Von Dr. E. Schultz-Ewerth, Gouverneur von Samoa z. D.
Die neueste literaturgeschichtliche Forschung hat einen Zusammenhang zwischen Kolonisation und Romantik festgestellt. Josef Nadler beansprucht in einem geistvoll geschriebenen Buche die deutsche Romantik des neunzehnten Jahrhunderts als eine späte Frucht der mittelalterlichen Kolonisationsbewegung, durch die der Osten Deutschlands regermanisiert wurde,*) Er sieht innerhalb des deutsch-mitteleuropäischen Kulturkreises noch heute die römisch-germanische und die deutsch-slawische Äebenseinheit, aus denen beiden das deutsche Volk gewachsen ist. Die „ungeheure Tatsache dieser Doppeltheit" macht sich, so'vernehmen wir, trotz vielfach gemeinsamer Schicksale, trotz aller sozialen, politischen und kulturellen Bindungen bis in die Gegenwart hinein fühlbar. Nur im „Ostraum", im Koloniallande Ostelbien, habe die deutsche Romantik zur Reife gelangen können, weil dort die klassische Ueberlieferung fehle.
Wie sich aus jenem großen Siedelungswerk eine Kultur zu entwickeln vermochte, die der mutterländischen parallel, aber eben doch auf eigenen Wegen ging, m. a. W. wie aus dem räumlichen Abstand ein geistiger werden konnte, das nachzuweisen ist Wohl in der Tat eine Aufgabe, an die sich nur eine umfassende tiefgründige Kenntnis der gesamten' nationalen Gedankenwelt heranwagen darf. Die besonderen Merkmale des kolonialen Charakterbildes habe ich in einem Aufsatz „Kolonialpsychologie" („Grenzboten", 21/4, 29/4 und 6/3 1922) zu skizzieren versucht. Im allgemeinen lehrt die Kolonialgeschichte, daß eine Kolonie mit steigender Eigenkultur sich den geistigen Bahnen des Mutterlandes nähert. Ob ein bestimmtes Kulturphänomen seiner Entstehung nach mehr hierhin oder dorthin gehört, wird oft zweifelhaft und zum großen Teil Sache individuell motivierter Auffassung sein. Die Musen und Grazien sind auch in der Mark vielseitig. Die Aufklärung, die doch das Gegenstück der Romantik war, hatte Berlin keineswegs verschont, und das Gesetz der Entwicklung in Gegensätzen gilt in der ganzen Welt. Karl Scheffler findet in Chodowieckis Schöpfungen sowohl eine „ziemlich subalterne Abhängigkeit von den Stilkonventionen der Zeit", als einen kraftvollen „profanen Wirklichkeitssinn" und urteilt, daß beides echt „märkisch" sei. Seiner Meinung nach ist in dem traditionsarmen preußischen Kolonialmilieu der bürgerliche Naturalismus gediehen.^)
Rein rezeptiv bieten solche Streitfragen wenig Interesse. Hoffen wir, daß unsere West- und süddeutschen Brüder sich nach wie vor an den Werken der romantischen Kunst erfreuen, ohne in ihr ein nord- oder ostdeutsches Reservatrecht zu erblicken und ohne darauf zu pochen, daß die Besiedelung des Ostens (am Rande bemerkt: eine der größten Taten des deutschen Volkes) mitsamt ihren Folgen ihren Ursprung westlich der Elbe-Saale- Linie gehabt hat. Ist es heute, wo wir mehr denn je auf einander cm-
») Die Berliner Romantik 1800—1814, Berlin, Erich Reiß Verlag.
ss) Deutsche Maler und Zeichner im 19. Jahrhundert, Jnselverlcig 1911, S. I5l>.