Die Grenzboten
Politik, Literatur und Kunst
81. Jahrgang, 12. August 1922 Nummer 3V
Das Werden einer neuen Welt.
Geschichtlich-politische Betrachtungen. Von Oberstudicnrat Dr. Becker (Cassel).
1.
Geschichtliche Leitlinien.
Geläufig ist uns leider die Klage, daß der Deutsche tieferer Einsicht in die Zusammenhänge und Bedingtheiten außenpolitischer Entwicklung entbehre. Verhängnisvoll aber kann es eineiin Volike werden, wenn maßgebende Männer in der politischen, Leitung die notwendigsten Grundlagen für ein richtiges Urteil nicht besitzen: gründliche Kenntnis fremder Völker und der geschichtlichen Zusammenhänge, Verständnis für die wahren treibenden Kräfte des geschichtlichen Verlaufs, aus deren Richtung die Zukunft zum guten Teil erschlossen werden kann. Lassen „Politiker" sich leiten von Doktrinen, wie der pazifistischen, so erbauen sie in ihren Köpfen eine politische Welt, die nirgends in der Wirklichkeit besteht; huldigen sie dem Glauben, man könne die ganze Weltkrankheit mit einem Mittel, etwa dem wirtschaftlichen Rezept, kurieren, so verlieren sie die oft viel niächtigeren Antriebe und Wünsche Politischen Charakters aus dem Auge, die 'ihnen zu ihrem Erstaunen die ganze Kur verderben.
Friedrich der Große und Bismarck sind nicht zum letzten Ende deshalb so große Politiker gewesen, weil sie die Faktoren der geschichtlichen Entwicklung so genau 'kannten und in Rechnung stellten,: die geographischen Bedingungen, die Charaktere der Völker, angeborene und anerzogene Eigenschaften, wirtschaftliche Notwendigkeiten, herkömmliche politische Ziele und Streuungen.
Wir vermögen das politische Gesicht auch unserer Tage nur zu verstehen, wir können tm Dunkel der Zukunft die Umrisse neuer Gestaltungen nur richtig ahnen, wenn wir wissen, woher der Weg kommt, auf dem wir vorwärtsschreiten sollen. Deutlich s,ollte den Führern endlich geworden sein, daß seit Jahrzehnten schon die politische Weltlage das Kennzeichen zitternder Unruhe trägt, daß Weltkrieg und Revolutionen nur e i n Ab-