— 331 —
Weltspiegel.
2. August.
Vor einer Woche schien es so, als ob die drohende Wirtschaftskatastrophe, in die Frankreich, wenn sie eintritt, jedenfalls mit hinein- gerissen werden wird, selbst einen Poincars vorübergehend zur Vernunft gebracht hätte. Wer sich aber dieser Hoffnung hingegeben hat, ist inzwischen bereits eines besseren belehrt worden. Sehr eigenartig mutet das diplomatische Spiel an, das in diesen Tagen zwischen Frankreich und England betrieben wurde.
Wir berichteten bereits über die plötzliche Bereitwilligkeit des bis dahin eigensinnig zaudernden und widerstrebenden Poincars, nach London zu kommen. Aber die Bgleitumstände dieser Schwenkung machten die englischen Staatsleiter mißtrauisch. In der Pariser Presse war angekündigt worden, daß Poincars mit neuen positiven Vorschlägen und Bedingungen kommen würde, sich also auf eine vertrauliche Aussprache über die bereits bekannten beiderseitigen Auffassungen nicht beschränken wolle. Das verdarb nun wieder dem sehr ehrenwerten Mr. Lloyd George das Konzept. Hatte er vorher auf den Besuch von Poincare gedrängt, so zögerte er nun, als er das Anerbieten des Verbündeten in Händen hatte, mit der Antwort- Eine Auseinandersetzung über so heikle Fragen zwischen Frankreich und England allein, wobei das angenehme Gesühl, den schützenden Zaun der Entente um sich zu haben, leicht einen Augenblick verloren gehen konnte, war nicht das, was Lloyd George herbeiführen wollte; gar zu leicht konnte hierbei die Machtfrage aufgeworfen werden, und das fürchtet er wie das höllische Feuer.
So zögerte er zunächst mit der Antwort. Darob großes Befremden in Paris. Aber es geschah, was Lloyd George von dem Verständnis der andern Ententegnossen erwarten konnten, falls er nicht etwa insgeheim diesem Verständnis etwas nachgeholfen hatte. Aus den Andeutungen Poincarös und der französifchen Presse war soviel bekannt geworden, daß es sich bei der geplanten Londoner Befprechung um Dinge handelte, bei denen Italien und Belgien zweifellos mitzureden hatten. Nun regten sich diese beiden Mächte und meldeten ihren Anspruch au, in London mit von der Partie zu sein. Das mußte anerkannt werden, aber dadurch wurde aus der Besprechung, die in freundschaftlicher Form die Meinungsverschiedenheiten zwischen Frankreich und England ausgleichen sollte, über Nacht in Wahrheit der Plan einer Sitzung des Obersten Rats, d. h. eine Sache, die natürlich eine viel stärkere Verbindlichkeit in sich schließt, aber eben deshalb sich bei den französischen Heißspornen einer recht geringen Sympathie erfreut. Dagegen kam die Beteiligung von Italien und Belgien Lloyd George sehr erwünscht. Nur glaubte er, daß unter diesem neuen Gesichtspunkt die Behandlung der Sache eine umfangreiche Vorbereitung erforderte, und das bedeutete einen erheblichen Aufschub der Londoner Besprechung. Dafür sprach auch der Umstand, daß der Bericht des soeben aus Deutschland zurückgekehrten Garantiekomitees noch nicht ganz fertiggestellt, also eine wichtige Unterlage der zu fassenden Beschlüsse noch nicht vorhanden war und nicht genügend durchstudiert werden konnte. So wurde denn in England davon gesprochen, daß die Entscheidung, über die in London zu besprechenden Fragen erst im Oktober fallen könne.