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H. Oncken und A. von Wrochem über die Ziele der französischen NheinpolitiK.
Besprochen vvn Dr. H. Forst.
Daß Frankreich sich den Besitz des Rheinlandes auch über die im Friedens- vertrage gesetzte Frist von IS Jahren hinaus sichern möchte, ist schon von vielen erkannt und ausgesprochen worden. Dagegen war man bisher weniger im Klaren über die weitergehenden Absichten, welche die französische Politik mit ihrem Streben nach der Rheingrenze verfolgt. Diese Frage wird scharf beleuchtet in zwei neuerdings veröffentlichten Schriften:
„Die historische Rheinpolitik der Franzosen" von Hermann QncKn (Verlag F. A. Berthes, Stuttgart-Gotha 1922) und:
„Die Kolonisation der Rhcinlande durch Frankreich" von A. von Wrochea! (Verlag H. N. Engelmann, Berlin 1922).
Oncken schildert in großen Zügen, wie der Minister Mazarin durch den Frieden von 1648 die bis dahin österreichische Landgrafschast Elsaß fnr Frankreich erwarb und von dort aus zunächst eine friedliche Durchdringung des Rheinlandes mit Erfolg versuchte: wie dann Ludwig XIV. den Weg brutaler Gewalt einschlug, bis ihm England entgegentrat; wie noch der Revolution von 1789 die junge französische Republik die Traditionen Ludwigs XIV. aufnahm und das ganze linke Rheinufer ihrem Staate einverleibte; wie Kaiser Napoleon I. auch auf das rechte Rheinufer hinübergriff und zugleich die Einheit des Deutschen Reiches völlig zerstörte. Im Anschluß daran weist Oncken nach, daß die heutige französische Regierung die gleichen Ziele verfolgt, insbesondere seitdem sie von Poincare geleitet wird, und daß Frankreich offen nach wirtschaftlicher Hegemonie zunächst über Deutschland, dann aber über ganz Mitteleuropa strebt. Auf englische Hilfe gegen dieses Streben dürfen wir zur Zeit nicht rechnen; das Schwerste steht uns noch bevor. Wir müssen nüchtern die Wahrscheinlichkeit im Auge behalten, daß im Falle einer günstigen Weltkonjunktur der Franzose ohne Besinnen die Politik der Neunioncn oder gar der napoleonischen Gewaltmittel erneuern wird. Unsere Aufgabe dagegen ist es, die Fahne des Rechtes gegen die Gewalt ungebrochen hoch zu halten, einen neuen Staat aus der Selbstbestimmung einer freien Nation aufzubauen, alle inneren Gegensätze hinter eine nationale Solidarität in den Lebensfragen zurückzustellen, und die Kräfte der sittlichen Erneuerung zu pflegen, durch die ein Volk auch im Unglück unüberwindlich wird. An der Einheit und Freiheit der deutschen Nation wird die historische Rheinpolilik der Franzosen zugrunde gehen.
Von einer anderen Seite greift Wrochem das Problem an. Er zeigt zunächst, daß der Staatsgedankc in Frankreich viel stärker ist und das ganze Denken und Fühlen des Einzelnen mehr beherrscht als m Deutschland. Der Vorteil des Staates ist im letzten Grunde für jeden Franzosen bestimmend, während der Deutsche umgekehrt das Interesse seiner Gruppe über dasjenige der Gesamtheit stellt. Aus dieser Denkungsart folgt, daß Frankreich in seiner auswärtigen Politik nach den Grundsätzen handelt, die Macchiavelli für feinen Fürsten aufgestellt hat. Alle Verträge Werden nur insoweit eingehalten, als es zum Vorteil Frankreichs dienlich ist. Darum ist es ganz vergebens, wenn die Deutschen gegen französische Uebergriffe Protestieren und durch Berufung