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Wir wissen aus der Geschichte, welche tiefgehende Wirkung Kants Lehre in den Freiheitskriegen hatte. Auch jetzt kann sie für uns vou großer Bedeutung werden. Sie zeigt dem deutschen Volke, daß es nicht zu verzweifeln braucht, gibt ihm vielmehr die tröstliche Gewißheit einer besseren Zukunft, wenn es sich deren würdig erweist, jeden Einzelnen aber bestärkt sie in der Ueberzeugung von dem inneren Wert des Menschen, und zeigt ihm, wie er durch Festigkeit des Willens sich auch über die schlimmsten Uebel erheben kann. Es wäre wünschenswert, wenn sich unsere leitenden Politiker etwas mehr niit Kant beschäftigten, weil sie dann den Feinden würdiger entgegentreten würden als dies viesach geschehen ist. KantS Schriften sind allerdings nicht leicht zn lesen, aber neuere Philosophen wie Kuno Fischer, Friedrich Paulsen, Alois Nühl und andere haben seine Lehren so anschaulich dargestellt, das; sie für jeden Gebildeten verständlich sind.
Die neuen Beamtentitel im Neich und in Preußen.
Zu dem unter dieser Ueberschrift in Nr. 14 der „Erenzbotcn" veröffentlichten Aufsatz von Kammergerichtsrat Dr. Sontag erhalten wir eine Zuschrift, der wir folgendes gern entnehmen:
Der Verein deutscher 'Gewerbeaussichtsbeamter teilt nicht die von Kammergerichtsrat Dr. Sontcig vertreten.», abfällige Ausfassung von der in Preußen eingeführten Aenderung der früheren Amtsbezeichnungen „Gewerbe-Inspektor" in „Gewerberat". Denn die Aenderung war dringend notwendig, um die Stellung der älteren Gelverbeaufsichtsbeaiuten als Leiter der AufsichtSämter zu heben und ihre amtlichen Befugnisse besser als bisher zum Ausdruck zu bringen. Die Aenderung ist von diesen Beamten seit Jahren erstrebt worden. Der Verein stellt ferner richtig, daß die in Betracht kommenden GewerbeaufsichtSbeaMten zu den höhereu Verwaltuugsbeamten rechnen."
Weltspiegel.
21. Juni.
Die Konferenzen der Woche. Der Kampf zwischen Politik und Wirtschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die Verhandlungen und Konferenzen des letzten Jahres. Schon von der Konferenz von Brüssel an zeigte sich der große Riß, der zwischen den Auffassungen der Politiker und der Wirtschaftler klafft. Und dieser Riß hat sich in Genua, in Paris, in London uud im Haag noch immer erweitert. Die Sieger vor dem Weltgewissen sind die Bankiers geblieben, die in Paris ihre klare Entscheidung ausgesprochen haben, daß die Politik, will sie nicht die Welt in Vernichtung und Chaos hineintreiben, die Regeln und Grundsätze der Wirtschaft auf sich wirken lassen muß, Der Standpunkt der Politiker ist in Poincar6 in feiner krassesten ^orm vertreten. Er verschanzt sich hinter Verträgen und treibt eine Politik der Illusion und der Macht, der alle diejenigen zustimmen, die