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Die Brüdergemeine.
Ein Stück verwirklichter Socialismus. Von Herbert Padel (Königsseld).
Am heutigen 17. Juni feiert die Gemeinschaft der Herrnhuter das Fest ihres 200;ährigen Bestehens. Aus dem Anlaß darf vielleicht auch in diesen Blättern einiges über diese Leute gesagt werden. Fast jeder Gebildete hat irgendwie schon von ihnen gehört und weiß etwas von ihren erdichteten Merkwürdigkeiten oder ihren tatsächlichen Eigentümlichkeiten. Dichtungen sind die Erzählungen, daß man sich bei den Herrnhutern durch das Los heiratet und daß man sich bei ihnen bei bestimmten Gottesdiensten gegenseitig die Füße wäscht. Aber wirkliche Besonderheiten sind, daß die Frauen für den Kirchgang eine Weiße Batisthaube aufsetzen, die durch die Farbe ihres Kinnbandes anzeigt, ob die Trägerin ledrg, verheiratet oder verwitwet ist; und daß es liturgische Feiern gibt, bei denen Brot und Tee genossen wird, die sogenannten Liebesmahle.'
Aber wir wollen bei diesen Äußerlichkeiten nicht stehen bleibe.n Wir wollen heute auch nicht sprechen von der großen Arbeit, die diese kleine Genossenschaft von 9000 Menschen an der deutschen Jugend tut in Fürsorge und Erziehung, obwohl diese oft in großer Selbstlosigkeit und Hingabe getane Arbeit sicher der Teilnahme weiter Kreise wert wäre und das Interesse derer verdiente, die mit uns der Meinung sind, daß die Gesundung unseres Volkes davon abhängt, daß unsere Jugend aufwächst in der Luft eines christlichen Geistes oder, wie die Litanei der Herrnhuter vielleicht etwas altmodisch aber doch wahr sagt, „in der Zucht und Vermahnung zum Herrn". Auch von der in aller Welt betriebenen Mission dieser kleinen Kirche wollen wir nicht reden, obwohl gerade sie und ihre Geschichte etwas an sich hat von dem hinreißenden Heldengeist kühner Welteroberer, d>en man noch spürt in den jener Zeit entstammenden „Zeugen- und Streiter- liedcrn":
Ihr Mancrzcrbrecher, wo sind' man euch? Die Felsen, die Löcher, die wilden Strauch', Die Inseln der Heiden, die tobenden Wellen Sind eure von cilters bestimmten Stellen.
Doch das alles gehört nicht hierher. Was uns hier interessiert, ist das, daß es Wohl in Deutschland keine andere religiöse Sondevbildung gibt, die so viel soziale Kraft entwickelt hat wie die Herrnhuter oder (so nennen sie sich selbst) wie die Brüdergemeine. Der Name sagt es ja schon, was sie sein wollten und sein wollen: eine Bruder- und Schwesternschaft solcher die sich über alle Rang- und Standesunterschiede hinweg zusammenschließen auf Grund eines lebendigen Glaubens. So hat sich der Gründer dieser Gemeine, der Reichsgraf von Zinzendvrf, als Bruder gefühlt mit den Bauern und Tagelöhnern, die, um ihres Glaubens willen aus Mähren Vertrieben, auf feinen Gütern Zuflucht suchten, und das zu einer Zeit, wo der Bauer nicht voll als Mensch angesehen wurde. So nennt bis auf den heutigen Tag der Pastor den Kirchendiener, der Hausknecht seinen Chef, der jüngste Student feinen weißhaarigen Lehrer „Bruder" und „Du". Titelsncht und Rangstreit kann da wirklich nicht