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lands Hochflug mochte Rußland eifersüchtig, neidisch, mißtrauisch. Die Russenknute begann das deutsche Kulturblühen an der Ostsee niederzupeitschen. L. v. Schroeder hatte sein vollgemessenes Teil dabei zu leiden. Kaum Dozent geworden — für Indologie — mußte er es erfahren, was es kostet, aufrecht deutsch zu sein. Er machte nicht „Karriere", wurde nicht befördert, Weil er nich4 von dem altverbrieften Rechte weichen wollte, seine Vortrage in deutscher Sprache zu halten. Leider hat sich damals in Dorpat mancher reichsdeutsche Professor gebeugt! Schroeder hielt stand. Man verlangte, er solle bloß feine Willigkeit erklären, in russischer Sprache zu lesen, sobald er dazu imstande sein würde, und zunächst eine Vorbereitungsfrist verlangen. Dann, nach dereu Ablauf, solle er um Fristverlängerung bitten, und so fortfahren, bis er die vorteilhafteste Pensionierung erreicht hätte. Aber er blieb fest, gestützt von seiner hochgesinnten Frau. Und so mußte er, verabschiedet, als mittelloser Dozent einer dunkeln Zukunft entgegensehen. D» kam Hilfe durch einen Ruf an die Jnnsbrucker Universität, deren Lehrstuhl er bald mit dem bedeutenderen in Wien vertauschen konnte. In Wien hat Schroeder seine Lebensarbeit zur Höhe und zum Ziel führen können. Er erlag im Jahre 1920 einem Herzleiden. Wie für alle Dcutichbalten war ihm Deutschlands Zusiammenbruch die furchtbarste Enttäuschung: 1917 — gerettet durchs deutsche Schwert — 1918 ausgeliefert den? Verderben — das Deutschtum in Livland ein Auswurf und Kehricht für alle Welt! — So klänge dieses echtdeutsche Manncsleben nur elend und traurig aus? So böten diese Gelehrtenerinnerungen nur einen milden, etwa für Wissenschaftlich-schöngeistig interessierte Leser befriedigenden, sonst aber tragrsch bitteren Genuß? Mitnichten! Ein kerngesundes, an wuchtigem Ernst und quellfrrchem Humor reiches Leben lernen wir hier kennen — ehrlich eingestandenes Mißlingen — sauer errungenes Gelingen — in allem aber geschlossene Mannhaftigkeit, charakterhafte Harmonie in allen Stürmen. Wie muß der kleine 10jährige Dichterling, geneckt von den größeren Geschwistern, gefördert von? edlen Bater, sich mühsam durchfechten — der kleine Schalt, der seine JlMgensverse dreist und doch ahnungsvoll bescheiden als „Lessingsches" Gedicht dem schmunzelnden Lehrer vorträgt. Vom Vater erbt er den heiligen Zorn gegen alles Gemeine, Begeisterung für alles Edle; von der Mutter die liebenswürdige behaglich leichte Erzählergabe. Ob er als Führer unter den Kommilitonen glänzt, ob er nach hartem Ringen unter den Leuchten der Wissenschaft seinen Platz findet, er bleibt immer sich gleich, der bescheidene, nicht ohne Selbstironie und doch mit Selbstgefühl strebende echtdeutsche Mann, der den Menschen und der Welt ins Herz schcmt und sie darum auch versteht. Wer diese „Lebenserinnerungen" zur Hand nimmt, der hört einen Erzähler von Gottes Gnaden. Alles ist echt, ungeschminkt, naturwahr! Und dabei eine Mannigfaltigkeit, wie sie meist von „Stubengelehrten" nicht erwartet wird. Aber von jeher ist es ein Kennzeichen der deutschbaltischen Gelehrten gewesen, daß sie nie bloß „Gelehrte", sondern immer Männer des Lebens sein wollten, sein mußten! Ob Schroeder von Heimat und Elternhaus erzählt, ob von ernsten wissenschaftlichen Entdeckungen oder humorvoll von abenteuerreichen Reisen, ob von deutsch- völkWen Kämpfen, in Dorpat gegen die Ruisifizierung, in Wien gegen undeutsche Gesinnungslosigkeit, ob er uns ein herb-schlichtes Mädchen aus niederösterreichischem Volk oder andere Kerngestalten so zeichnet, daß wir sie vor uns sehen, ob er uns in tiefverborgene Herzenskämpfe um Glauben und Erkennen („das Rufeu Gottes") hineinblicken läßt, — überall tut er uns Wohl. Man muß ihn als Geistesverwandten des bekannten Verfassers der „Jugenderinne-