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einen fremden Hasen, wie Rotterdam, auf Kosten der eigenen Häfen noch besonders zu fördern, darf es sich heute unter keinen Umständen mehr erlauben. Am Rhein können wir nichts ändern; er mündet einmal im Fremd- lande; wir werden ihn notwendigerweise cmch an sich, als mächtigste deutsche Wasserader, nach jeder Möglichkeit hin weiter ausbauen, verbessern müssen; dieiu er uns doch schon allein innerhalb unserer eigenen Grenzpfähle als unentbehrliche Wasserstraße/") Ob man aber gerade ihm allein zuliebe so gewaltige neue Kancillinicu ausbauen soll, wie man sie vorhat, dürfte doch noch sehr zu überlegen sein.
Wenigstens das ist sehr zu überlege«! soll man es tun unter Vernachlässigung der anderen deutschen Ströme?
Nun scheint die Ueberlegung freilich auf alle Fälle zu spät zu kommen; denn tatsächlich befinden sich die beiden Kanäle, die nach dem Rhein hinstreben, bereits in Ausführung, nämlich der Rhein-Neckar- und der Rhein- Main-Donau-Kanal; aber noch ist nicht aller Tage Abend, und den ungeheuerlich großen Werken gegenüber, die man sich vorgenommen hat, bedeutet der wirkliche Anfang verschwindend wenig; wird doch auch bei beiden auf eine Bauzeit von 10 bis 20 Jahren gerechnet! Es sind beide geldlich gesichert, der Rhein-Neckar-Kanal wenigstens bis Plochingen, der andere in 'einer ganzen Ausdehnung; und das ist gut so; denn tritt in der vor uns liegenden Zeit nun doch eine Aenderung in der Anschauung darüber ein, was für Wassenstraßcn Deutschland in erster Linie braucht, so kann uns nichts daran hindern, zunächst die nötigeren und nützlicheren auszuführen und der Ausführung der anderen eine langsamere Gangart zu geben.
Nötig und nützlich sind nämlich von dem dichten Kanalnetz, das man für Deutschland plant, so gut wie alle; wirklich streiten läßt sich nur darüber: in welcher Reihenfolge sollen die einzelnen neuen Maschen dieses Netzes geknüpft werden? »
Abgesehen von der Geldfrage — die bei allen Kanallinien annähernd gleich liegen dürfte — kommt es hierbei vor allem darauf an, in welchem Grade der betreffende Kanal der Wiederaufrichtung der deutschen Wirtschaft dienen kann? — Gar nicht zweifelhaft konnte man in d!e>er Beziehung bei der Verlängerung des Mittellandkanals über Hannover ostwärts hinaus sein; denn er füllt geradezu eine Lücke aus, die — für uns schmerzhaft genug während des Krieges empfunden — zwischen dem östlichen und westlichen Kanalnetze bisher bestand. Ferner können besondere Zweifel auch darüber nicht bestehen, daß es einer zweiten West-Ost-Verbindung der beiden Hälften Deutschlands bedarf, die weiter nördlich als der Mittellandkanal liegen muß. Der Niederrhein muß — sei es nun wie es wolle — in eine unmittelbarere Verbindung mit den großen Nordhäfen Deutschlands gebracht werden. Die Umwege, die heute noch gemacht werden, müssen fortfallen; zugleich bekommt dann der Rhein eine Ausmündung ins Meer, die ersprießlicher sür Deutschland ist, als die bisherige natürliche bei Rotterdam. Von der lange geplanten „deutschen Rheinmündung" wird Wohl auf immer abzusehen sein. —
Mit alledem ist aber dem Deutschen Reiche noch immer nicht >o kräftig geholfen, wie es notwendig ist; denn die'e beiden Pläne lassen ein großes Stück des Reiches unberührt, ebenso wie dies ja bei den beiden Rheinkanälen der Fall ist. Ganz Mitteldeutschland, das Herz des Reiches, Thüringen, Hessen
Die Hälfte dcS Rheinverkehrs verläßt Deutschland gar nicht.