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Der einglisch-irische Ausgleich : eine Studie zur englischen Kulturwissenschaft.
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Der englisch-irische Ausgleich.

Eine Studie zur englischen Kulturwissenschaft*). Von Professor Dr. W a l t h e r H o ch (Stuttgart).

Der Friedensvertrag zwischen England und Irland soll eine offene Wunde am Körpor des orttischen Reiches schließen. Ein kurzer Blick auf die Geschichte möge dies erläutern.

Wie ein unheilschwangeres Leitmotiv klingt es, wenn wir hören, daß die irischen Bischöfe den König Eegfrith von Northumbrien verfluchen, dessen Flotte im Jahre 684 die irische Küste verwüstete schnöden Undank für die Tätigkeit großer irischer Missionare wie Columba und Aidan auf englischem Boden.' Verhängnisvoller als der nationale Gegensatz zwischen Kelten und Angelsachsen wirken die religiösen. Schon der erste Er­oberungszug unter Heinrich II. 1168 fand die Billigung Hadrians IV. als Kreuzzug zur Ausdehnung der römisch-katholischen Kirche über Ir­land, das den Primat des Papstes nicht anerkannt hatte. Das Unglück wollte, daß die Iren nicht stark genug waren, um die Engländer völlig von ihrem Boden zu verjagen, aber doch auch zu stark, um es zu einer völligen Unterwerfung kommen zu lassen. Die Geschichte Schottlands legt uns für den ersten, diejenige von Wales für den zweiten Fall den Ge­danken einer weniger leidensvollen Entwicklung nahe. So wurden nun aber nur >die östlichen Gebiete von Drogheda, Dublin, Wexford, Waterford und Corkenglischer Bezirk". Aber die politischen Gegensätze, die sich hier culftaten, wnrden später überbrückt durch den gemeinsamen Widerstand gegen die Reformation in England. In dein weltgeschichtlichen Kampf der Gegenreformation, den der Papst und Philipp II. von Spanien gegen das protestantische England der Königin Elisabeth führten, stand Irland gegen England. Die "Landung feindlicher Truppen in Irland im Jahre 1579 führte zu keinem Erfolg,' ein neuer Aufstand im Jahre 1598 wurde erst 1603 unterdrückt. Die Erinnerung an diese und ähnliche Vorgänge in der Geschichte bestimmt heute noch das Denken der englischen Staatsmänner. Den Gegenschlag gegen die Haltung Irlands tat England im Jahre 1610 mit der Kolonisation Ulsters. Zwei Drittel des Nordens von Irland wurden konfisziert und an Siedler schottischer und englischer Abstammung gegeben. Trotzdem diese Maßregel, rein äußerlich betrachtet, ein glänzender Erfolg war, so brachte sie doch eine Scheidung zwischen zwei durch Rasse, Sprache, Temperament und Religion verschiedene Bevölkerungen mit sich, die bis heute noch nicht geschwunden ist, wenn auch der soziale Gegensatz gegen den englischen Unte-rnehmer und Ausbeuter eine Brücke von Ulster nach dem übrigen Irland zn schlagen scheint. Die Ulsterfrage bot später einer befriedigenden Lösung fast unüberwindliche Schwierigkeiten.

Hatte Irland im Kampfe Roms gegen die Reformation gegen Eng­land gestanden, so auch jetzt wieder, als sich der Kampf der Puritaner um die religiöse Freiheit mit dem des Parlaments um die politische ver-

*) Neuerdings ist wievcr eine Trübung in den englisch-irischen Beziehungen eingetreten; gleichwohl sind obige Ausführungen noch zeitgemäß, da die Folge­rungen für die Politik Englands davon unberührt bleiben.

Die Schriftleituug.