Die Grenzboten
Politik, Literatur und Kunst
81. Jahrgang, 22. April 1922 Nummer IS
Kolonialpsychologie.
Von Dr. Erich Schultz - Ewerth. Gouverneur des ehemaligen Schutzgebiets Scimoa.
Der Friedensvertrag von Versailles hatte den kolonialen Gedanken in Deutschland unzweifelhaft gefördert. Das Mißverhältnis zwischen unserm zerstückelten, übervölkerten, ausgesogenen Heimatlande und dengeräumigen rohstoffreichen Kolonialgebieten, die empöreud-hypokvitische Methode des Kolonialraubs und die freiwillige Propaganda der vertriebenen Kolonial- deutschen riefen im Volke eine lebhafte Prvteststimmung hervor und sorgten dafür, daß der koloniale Teil des FriedensrevisionsprogmnMis nicht bei Seite geschoben werden konnte.
Seit einiger Zeit nun beginnt die Anteilnahme an kolonialen Dingen sichtlich nachzulassen, und von sachkundiger Stelle ist bereits wiederholt darauf hingewiesen worden, daß deutscherseits der Verlust der Kolonien meist nur" noch nebenher behandelt wird, wogegen z. B. die kolonial- erfahrenen Engländer den ihnen daraus erwachsenen Gewinn als ein Mtivum ersten Ranges buchen.
Allerdings erzeugt der ständige Albdruck der „WiederMtmachung" Sorgen, die sich unabweisbar an die erste Stelle drängen. Aber sie sind nicht die Grund-, jedenfalls nicht die alleinige Ursache der allmählichen Vernachlässigung der Kolonialfrage. Wenn man in den Kreisen, aus denen die bewußte und überlegte Führung hervorgeht oder hervorgehen sollte, sondiert, so entdeckt man auch da, wo die Notwendigkeit oder wenigstens Nützlichkeit einer Kolouialvolitik an sich äußerlich ober höflich anerkannt wird, ohne viel Mühe oft wieder jenen alten deutschen Pessimismus, nnter dem die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches so lange zu leiden hatte.
Die Zeit, in der mit Angriffen aus die Kolonialverwaltung parlamentarisch Karriere gemacht wurde, dauerte etwa bis 1906. Dann wurden die Vorzeichen einer glänzenden Entwicklung so unverkennbar, daß die grundsätzliche Opposition verschwand. Man konnte sich der Hoffnung hingeben, daß der Kolonialpefsimilsmus an den Wirkungen unserer Erfolge eines natürlichen Todes verblichen sei. Doch er scheint jetzt zu neuem Leben zu erwachen, um unsern mangelnden Beruf zur Kolonmlpolitik für die Zukunft