Die Grenzboten
Politik, Literatur und Kunst
81. Jahrgang, 14. April 1922 Nummer 14
Die deutsche Bodengestaltung und ihre Beziehung zur deutschen Geschichte.
Von A. v o n Hofma n n.
Unter der Bodengestaltung eines Landes versteht man wörtlich die Gestaltung seiner Oberfläche, die Mffevenzierung derselben in Höhen und Niederungen, in Berg und Tal. Ein wichtiges Glied der Bodengestaltung bilden aber auch die natürlichen kleinen und großen AbzugsgrWen des Wassers; in ihnen setzt sich die Auswirkung der Nweauverschiedenheiten des Oberlandes fort, weit in das Niederland hinein. In den Flußlinien des Niederlandes spiegelt sich in merkwürdigster Form das Oberland. Flüsse und Berge treten dazu in eigene Wechselbeziehung. Im Tiefland teilen die großen wasserreichen Strome das Land in natürliche Abschnitte wie die Gebirge im Oberland. Und wie der seste Boden des Oberlandes die ersten sicheren Straßen gewährt, so treten auch hier die schiffbaren Flüsse des Niederlandes ersetzend ein und öffnen weite Gebiete der Eroberung oder der Kultur.
Im der historischen Struktur des deutschen Landes haben Gebirge und Flüsse eine wichtige Rolle gespielt. Sie bilden das wichtigste Skelett, welches unsere Geschichte trägt und sie verständlich macht. In ältester Zeit überwiegt die Bedeutung der Gebirge die der Flüsse; aber das Verhältnis verschiebt sich, je weiter wir hevabfteigen in der Zeit, denn auf die Zeiten der Absperrung folgen die Zeiten des Verkehrs. Der undurchdringliche Urwald der mitteldeutschen Gebirge hat einst die Kelten vor den Germanen geschützt; die Wesergebivge wurden die natürliche Schutzburg der Jstvaeonen gegen die Römer wie später der Sachsen gegen die Franken. Die natürliche Festung Böhmen hat den Markomannen fast 200 Jahre gegen die Römer Sicherheit geboten/ Von den Ardennen wissen wir, daß sie noch im 15. Jahrhundert dem Durchmarsch von Heeren die größten Schwierigkeiten gemacht haben. Die Ungangbarkeit des Bergwaldes hat noch lange der Befestigungskunst die Wege gewiesen. Die ganze Grafschaft Nassau umgab einst eine undurchdringliche Buchenhecke, das Gebük.
Man kann in Deutschland zwei verschiedene Flußgebiete unterscheiden; wir sehen dem groß«: Gebiet der mächtigen sich in die Nord- und Ostsee ergießenden Ströme ein kleineres Entwässerungsgebiet gegenübertreten, welches von den Wassern durchflossen wird, die vom Nordhang der Alpen