Noland Schacht
Schöne Literatur
Von Roland Schacht
Nachkricgsbücher. In seiner nach vielen Richtungen hin überaus lehrreichen, die englische Gesellschaft während des Krieges schildernden Vorrede zu „lleartbreak llouss" (Tanckmitz Ediiion vol. 4Sl>4), einer etwas breiten und handlungsarmen Gesellschafls- studie und zu zwei Kriegseinaktern, dem Jrenstück „L>'?Iansrt/V. L " und einer Verulkung des englischen Propac,andaosfiziers ,,/mgustus ctoss nis Kit", die die an Ausländern so schätzenswerte und uns Deutsche vielfach so unverständlich und — frivol anmutende Fähigkeit, sich selbst zu objektivieren, ausweisen, teilt Bornard Shaw folgende den infolge des Krieges veränderten Zustand des Theaterpublikums chai akter>sierende Beobachtung mit: „Der kul ivierts Soldat, der in Fnedenszeiten nichts als die fortgeschrittensten Nach-Jbsenschen Stücke in der höchsten künstlerischen Form gelten lassen wollte, fand zu seinem Erstaunen, dasz er nach mehreren Monaten Schützengraben förmlich nach primitiven Späßen, Tänzen und geistlosen aber erdhaflen Schaustellungen hübsclier Mädchen dürstete/' Und wenn wir an den Soldaten nnserer Kreise zum großen Teil die Beobachtung gemacht haben, daß ihnen als Schützengrabenlektüre gerade das schwerste nnd abstrakteste elien recht war, so steht das mit der Allgemeingültigkeit von Shaws Beobachtung vielleicht nur scheinbar in Widerspruch. Vielleicht diente gerade das Verarbeiten schwierigster Gedankengänge dazu, die Seele, auf die reale und realistische Eindrücke in einer für den Normalmenschen bis dahin nie gekannten Fülle eindrangen, im Gleichgewicht zu erhallen.
Wie dem aber auch sei, jedenfalls sind wir anspruchsvoller geworden. Weniger zwar vielleicht, was die Qualität der Kunstform betrifft — für rein artistischen Sport haben wir wenig mehr übrig — aber doch was die Qualität der Beobachtung, die Fülle der Wahrnehmung, die Erdhaftigkeit des Erlebens betrifft, d>e freilich in ihren Wurzeln mit
Elementen der Kunstform zusammenhängen. Selbst der ungeübte Leser, der in Friedenszeiten an einem Buch wie an einem einduselnden oder in friedliche Höhen unwirklichen Schundes „erhebenden" Opiai schmökerte, läßt sich nicht mehr so leicht ein T sür ein U vormachen. Er ist nicht immer gerade von jener grimmigen und lief pessimistischen Menschenfeindlichkeit besessen, die Mark Twains „geheimnisvollen Fremden" (Insel- Verlag, Leipzig), einem der seltsamsten Erzeugnisse des großen Humoristen, der eben hier beweist, daß er weit mehr als ein bloßer Spaßmacher war und an der Menschheit litt und Stunden der Verzweiflung kannte, erfüllt, aber er ist doch auch mißtrauisch gegen alles Aposteltum, das. wie in Hanns Joh sts Noman „Kreuzweg" IAlbert Langen, München), bevor es noch die Fülle der Welt und eines werllätigen Menschenlebens be- Wälliote, sich in eine ans Liedlosigkeit und Erlebensstumpfheit selbstgefällig gewählte Einsamkeit zurückgezogen hat, aus der heraus es nun in breiten und die übrige doch eben auch nicht gerade nur aus Idioten bestehende Menschheit keineswegs erschütternden Gesprächen seiner Gestalten belehren zu müssen glaubt, ohne für diesen Anspruch andere Berechtigung aufzuwnsen, als eine unreife innere Aufgeregtheit, die, wie in solchen Fällen gewöhnlich, nach tausend fernliegenden Biloern und Vergleichen greift, um letzten Endes immer nur sich selber wohlgefällig zu moiiologlsieren. Wir sind auch mißtrauisch geworden gegen alle bloße Bildungspoesie, die, sich bestehender Kunstformen bedienend, schlicht und reckt große St ffe — Dilettanten greifen ja mit Vorliebe nach großen Stoffen — behandelt, wie eben jeder Gebildete, der schreiben kann, sie behandeln könnte: so, daß sie zwar Leben und Empfindungen der Gegenwart widerspiegeln, aber ohne sie mit einer sinnlich einprägsamen und dadurch überzeugenden F^rm im innersten Erlebniskern neu zu bewältigen.
Verantwortlicher Schriftleiter: Helmut Franke in Berlin Ab April krankheitshalber beurlaubt
Schristleitung: Berlin lZXV N, TempeNioser Hier »5a,. Fernrnsi Uiitzoi» öniv. Gelchiill-sührung: Deulscher Verlag, Abt. Grei.zbvlen. Berlin SV 48, Wilh-lmstr. 8—9. F-r^rus: Nolleniwrl 4848. Verlag- K. F. Koehler, Leipzig und Berlin. Druck: „Der Neichsbole' G. m. b. H, in Berlin SW tl, Dessauer Slr-che »S/87.
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