ArturMichel
Berliner Bühne
Von Artur Michel
Daß das Publikum des Großen Schauspielhauses mit Operette und Ballett genährt wird, hat auch seine guten Seiten. Die Direktion Holländer beschäftigt ihre großen Schauspieler im Deutschen Theater und den Kammerspielen in weit mehr Stücken, als sonst wohl diese Spielzeit ans Licht gefördert hätte. Sämtliche neuen Werte, die in den Kammerspielen während der letzten Wochen zu sehen waren, zu erörtern, würde freilich den Nahmen dieser Berichte sprengen. Sie sind fast alle schon wieder vom LPiolplan verschwunden, so wie eine Anzahl neuer Dramen, die in anderen Berliner Theatern gespielt worden sind, ins Dunkle zurückgesunken sind. In lebendiger Erinnerung aber ist das Revolutionsdrama „Die Wölfe" von Romain Rolland und die Aufführung der „Judiih"-Tragödie von Hebbel — beide im Deutschen Theater — geblieben (zu denen in den letzten Tagen noch „Cyrano von Bergerac" getreten ist).
Es hat keinen Sinn, künstlich Beziehungen zu schaffen zwischen Dingen, die keine Beziehung zu einander haben. Aber über das rein äußere hinaus, daß die beiden genannten Dramen im Kriegslager spielen, verbindet sie im tiefsten ein Gemeinsames: der Vaterlandsgedanke. Die Not des Vaterlandes treibt die Ebräerin zu dem übermenschlichen Gang, auf dem sie die Grenzen ihres Geschlechts überschreitet. Die Not des Vaterlandes zwingt denKonventkonimissärQuesncl, in dem Widerstreit zwischen Vaterlandsliebe und Gerechtigkeit für das Vaterland sich zu entscheiden, auch wenn er dadurch ewige Schande auf seinen Namen wälzt. Dort geraten Vaterlangsidee und Frauentum, hier Vaterlandsidee und GerechtigkeilSbewußtsein in den unlösbaren Konflikt. Bei Hebbel ist es die Frau, die an der Härte der politischmenschlichen Realitäten zerbricht, bei Rolland der Mann.
So verschieden aber wie Mann und Weib, so verschieden sind im übrigen die beiden Dramen. Hebbels Erstlingsiragödie ist Zeugung einer einzigartigen dichterischdramatischen Viston, Rollands Nevolutions- drama die dichlertsch-plustisckie Ausformung einer historisch-politischen Idee. Hebbels Ausgangspunkt war die Gestalt und ihr Schicksal, Rollands die Idee und ihr Schicksal. Hebbels Schauspiel schließlich ist die Tragödie einer großen — zum Menschheitstypus erhobene»—Individualität; Rollands Schauspiel die Tragödie einer von Menschen
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verkörperten und von Menschen bekämpften Idee.
Rollands Menschen sind von ihrem Verhältnis zu dieser Idee aus gesehen und gestallet. Ein von allen Kameraden beargwöhnter Offizier wird anscheinend als Verräter entlarvt und zum Tode verurteilt. Die Solidarität, die Geschlossenheit und unangekränkelte Kampfkraft des Heeres ständen auf dem Spiel, wenn er am Leven bliebe. Soll das Urteil kassiert, das Verfahren neu aufgenommen werden, als sich herausstellt, daß die belastenden Dokumente gefälscht, die Entlastunusmittel von seinem ärgsten Feinde im Osfizierkorps heimlich besettuit worden sind, er also wahrscheinlich unschuldig ist? soll also um der Gerechtigkeit willen die Sicherheit des Heeres und das heißt des Vaterlandes gefährdet werden? Rolland gibt keine abstrakte, allgemeine Antwort, sondern schildert den konkreten Fall. Er sagt nicht: so und so soll es sein, sondern: unter diesen Menschen nahm das Schicksal diesen Laus. Und er fügt vielleicht hinzu: in ähnlichen Fällen wird es wohl ähnlich gehen. Es war das Glück der Aufführung, daß an ihr die stärksten Kräfte deS Deutschen Theaters beteiligt waren: Werner Kr.iutz und Eugen Klöpfer. Krnuß als KonventS- kommissär, ein feuriger Greis, von Podagra geplagt und schwer beweglich, aber eine Landsknechtsführernatur, eine geborstene Eiche, jedem Sturm noch stehend. Ihm gegenüber Klöpfer: ein wüster Kerl, dem man jede Tollkühnheit und jedes Verbrechen zutraut, eher ein Kosakenhelman als ein Revolutionsgeneral, ein wahrer Wolf unter Wölfen. Wilhelm Dieterle aber, der den T'ulier als einen Idealisten des Gefühls spielte, erwies sich zwar als guter Sprecher, hälts aber, „wie die Antike starr" nicht aus Gefühlsmotiven, sondern aus unerbittlichem NechtSwillen sich für die Wahrheit einsetzen müssen. Die tragische Erschütterung des Konventskommissärs wird erst dadurch fundiert, daß mit Teulier nicht ein Individuum, sondern die Idee des Rechts zerstört wird.
Die Aufführung war von einem neuen Spielleiter vorbereitet worden, Berthold Vieriel, der bisher in Dresden gewirkt hat. Es gelang ihm, das Ganze fest zusammenzuhalten. Es scheint ihm aber das sichere Raumgefühl zu fehlen, das die einzelnen in räumliche Beziehung zu einander, den Raum in Beziehung zu ihnen setzt. Wie er denn auch nicht die Kraft zeigt, größere Gruppen,