Wirtschaftliche Umschau
Wirtschaftliche Umschau
von (L h r. Stöhr, Berlin
Der deutsche Finanzminister hat in seiner Neichstagsrede vom 16. März noch einmal mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen läßt, aller Welt vor Augen geführt, daß die großen Anstrengungen, welche das deutsche Volk gemocht hat und zu machen im Begriffe ist, um sich von seinen Bedrückern loszulaufen, ohne Erfolg bleiben müssen, wenn nicht die Fordeiungen aus dem Friedensvertrag auf ein für Deutschland tragbares un!> den tatsächlichen Erfordernissen zum Wiederaufbau der geschädigten Feindesländer entsprechendes Maß zurückgeführt werden.
Die jüngste Note der Reparationskommission aber setzt allem, was die Entente jemals gegen Deutschland übernommen hat, die Krone'auf. Die für das Jahr 1922 zu leistenden Barznhlnngen sind auf 720 Millionen Goldmark fettgesetzt, von denen 281,949 Millionen Goldmark als bereits abgedeckt gelten, sodaß die Summe von 438,051 Millionen Goldmark noch in bar abzuführen sind, und zwar 13,051 Millionen nm 16. April, je 50 Millionen am 15. der Monaie Mai bis Oktober und je 60 MiUi'men an demselben Tage der beiden letzten Monate des Jahres. Die Sachleistungen sollen den Gegenwert von 1450 Millionen Goldmark betragen. Um alle diese Zahlungen sicherzustellen, werden der deutschen Negierung eine große Reihe „SanierungLmaßnahmen" aufgezwungen und eine Peiiil che Konirolle in Au» ficht gestellt, welche den deutschen Staat in die Stellung, die vor dem Kriege China einnahm, Herabdrücken wüde. Die Entente fordert von Deutschland, die dem Reichstage vorliegenden neuen Steuern noch vor Ausgang April zu verabschieden Darüber hinaus sollen bis zum 31. März 1922 Maß- nahmen getroffen werden, welche eine nochmalige Erhöhung der öffentlichen Einnahmen um mindestens 60 Milliarden Mark für das Etalsjahr 1921/22, von denen bis Ende des Kalenderjahres wenigstens 40 Milliarden eingegangen sein müssen, zur Folge haben. Außerdem werden von der deutschen Regierung, deren Autorität die Entente seit Kriegsende systematisch untergraben hat, energisches Einschreiten gegen das flüchtige Kapital verlangt, ein Unternehmen, welches bekanntlich nicht einmal den „Siegern" ganz geglückt ist. Diesen ganz und gar unsinnigen Forderungen,' deren gewaltsame Durchdrückung für Deutschland namenloses Elend und ein völliges Verschwindeil des
Erfüllungswillens im Gefolge hät'e. stehen folgende realen Tatsachen gegenüber: Wie in letzter Zeit wiederholt einwandfrei nachgewiesen wurde, erreicht die Belastung durch Steuern und Abgaben in keinem Lande den Stand, den sie nach Vernvschieduug der neuen Steuergesetzs durch den Reichstag in Deuischlnnd einnehmen wird. Es ist bekannt, daß zur Ausführnng des Fiiedens- vertrages an baren Miiieln nur der Überschuß aus dem Hanshalt der allgemeinen Neichsverwaltung mit etwa 16 Milliarden Papiermark zur Verfügung stehen. Der Bedarf an Kontributionsgelder für das Emts- jahr 1922 wird mit etwa 173 Millia den Mark, der Ertrag der vorgesehenen Zwangscinleihs mit etwa 60 Milliarden Mark angenommen — unter der schon nicht niehr geltenden Voraussetzung einer gewissen Stabiliiät der Reichsmark. Es müßten also im Etatsjahr 95 Milliarden Mark Kiiegs- kontribulionen durch Schatzscheine gedeckt werden. Der gegenwärtig wieder scharf fallende Preis der Mark im Ausland hat aber alle diese Berechnungen längst nngüliig gemacht — ebenso wie die rapide Verschlechterung der Kaufkraft der Mark im Innern bereits den ganzen Ne'chshaushalt Wieder in Unordnung gebracht hat, Wenn es also schon vor der jüngsten Entwerlnug der Reichsmark — welche zum Teil sicher den aus den knappen deutschen Devisendeständen erfolgten Dekadenmhlungen zu verdanken ist — zum Teil gerade wegen der Reformverfuche unmöglich war, einer nenen Inflation zu entgehen, wird nunmehr — wenn unsere Gläuvieer nicht noch in letzter Stunde ein Einsehen haben — die Kurve des deutschen Notenumlaufes immer steiler ansteigen und in verstärktem Maße alle die bösen Folgen hei vorbringen, die wir aus bitterer Erfahrung zur Genüge kennen. Ein Berliner Dollarkurs von etwa 340 Mark rückt die Gefahr des berüchtigten „Ausverkaufs" wieder in den Vordergrund, die deutsche Exportprämie ist automatisch gestiegen, ebenso das Inlands-Preisniveau, und sür die vielen Arbeitslosen in England, Amerika, Holland, den Nordstaaten und der Schweiz rückt der Tag, an dem sie wieder ihren Platz am Arbeiistische einnebmen, wieder in graue Ferne. Das Schicksal Österreichs, dem vo» der Entente ähnliche „Sanierungsmaßnahmen" auierlegt und deren Erfolg jene verzweifelte Hilferufe waren, kann leicht auch dasjenige Deutschlands werden.
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