Unser Theater: Ein Trauerspiel
Unser Theater: Gin Trauerspiel
Rückblick und Ausblick von Herbert Lulenber-z
Lessing, der Dichter, hat sich schon ein paar Monate vor dem Zusammenbruch der unglücklichen Unternehmung, die er unter der Aufschrift: „Hamburgische Dramaturgie", so lange die, deutsche Bühnengeschichte währt, unsterblich gemacht hat, von jener Entreprise getrennt. Frei wie ein Vogel oder Poet, der keinen anderen Beruf hat als den, zn dichten, hatte er sich von der verkrachenden Gründung eines deutschen Nationaltheaters in Hamburg hoch in die Lüfte geschwungen, in denen die musischen Geister in Deutschland seit jeher einige Meilen über der Erdkruste dieses Laudes zu schweben pflegeu. Er beschäftigte sich, als jenes am Geldschwund erkrankte Nationaltheater in den letzten Zuckungen lag, bereits auf einem ganz anderen Gebiet, indem er Winckelmcmn ins Handwerk greifend, seine kleine meisterliche Abhandlung: „Wie die Alten den Tod gebildet haben", verfaßte, jenes Rankenspiel um das ewige Thema Tod, durch das noch der junge Schiller mächtig ergriffen wurde. Soeben hatte sich Lessing von seinem Bruder eine kleine medizinische Schrift: „Bon dem Zupfen der Sterbenden", schicken lassen, aus der er einiges für seine Arbeit zu entnehmen gedachte. Er trat, mit dem Büchlein in der Hand, ans der Tabagie am Gänsemarkt, dort, wo er heutigen Tages in Marmor prangt, und gedachte auf den Jungfernstieg zu gehen, um sich dort die Alsterluft um den Kopf fächeln zu lassen. Er hatte, ein leidenschaftlicher Kartenspieler wie er war, sich mehr als drei Standen laug beim Tarock die Stirne heiß und die Börse leer gespielt. Da begegnete ihm an der Alsterecke sein gelehrter und freidenkendcr Freund Neimarns, der zur Stadtbibliothek pilgerte. „Sie kommen doch heute abend zur Aufführung des „Mcchomet's" ins Theater, Lessing? Es heißt, es soll die letzte Vorstellung unseres National- theciters werden.
Der Dichter wies auf das> schmale Büchlein in seiner Hand: „Ich gedachte mich auf andere Weise mit dem Zupfen der Sterbenden zu befassen, durch die Lektüre dieser kleineu Schrift."
„Aber nicht doch, mein Freund! Sie müssen doch das theatralische Unternehmen sterben sehen, bei dessen Geburt Sie als Pate gestanden haben und dessen Äuglein, als sie noch glänzten, so häufige Male von Ihnen gewaschen und geputzt worden sind!"
„Drum will ich es Herrn Voltaire überlassen, diese Augen zuzudrücken. Die Franzosen sind kaltherziger in diesem Punkt. Es wäre eine zu wehmütige Verrichtung für mich. Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein National- thcater verschaffen zu Wolleu, da wir Deutsche noch keine Nation sind. Ich meine nicht im politischen Sinne. Es ist eine ganz falsche Annahme und eine herkömmliche Fabel, daß es dem Deutschen an vaterländischem Gefühl mangle. Wenige Völker der Erde haben derart' für ihre Fürsten oder ihr Land geblutet uud gehungert uud gedarbt wie das deutsche. Was uns abgeht, ist das Fehlen an Gemeinscimkeits- emvfinden, an jenem vspnt cte cocps, dem Korpsgeist, in dem andere Nationen uns weit überlegen sind. Wir sind schon froh, wenn wir einen JnnnngS- oder Gewerk- schaftsgcist und bestenfalls einen Heimatstolz und vaterstädtischen Sinn entfalten können. Aber darüber hinaus mögen nur wemge reichen. Infolgedessen sieht unser Deutschland auch geistig gewürfelt wie ein Schachbrett aus. Die Unterschiede in den Glaubensbekenntnissen, in den politischen Überzeugungen und ästhetischen Ansichten trennen bei uns die Leute noch wie Erzfeinde von einander. Sie sehen es in den Gesellschaftskreisen einer jeden Stadt bei uns, in Hamburg ebenso wie in Berlin uud Wien. Man schließt sich in bestimmten Kasten oder Schichten ab. Es strömt nicht in einander über, woraus denn allein ein geistiges Zusammenleben entstehen könnte. Der unter einander hadernden Gelehrten-- und Künstlerrepublik, zu der wir beide gehören, steht eine kaum veredelte rohe Menge gegenüber, die nicht
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