Zwei bremische Biographien
Zwei bremische Biographien
von Dietrich Schäfer
Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß in der neuereu deutschen Geschichtschreibung die Biographie beträchtlich an Raum gewonnen hat. Sie schickt sich an, den Vorspruug der englischen einzuholen. Es ist aber erklärlich, das; sie dem Entwicklungsgang unserer Geschichte unterworfen bleibt. Der Engländer ist aufs Ge- samtvolk eingestellt^ in des Deutschen Brust wohnen zwei Seelen. Die eine strebt hinaus zum Volkstum, das sie als ihr innerstes Wesen fühlt? die andere klammert sich au das Landschastlichc, das ihr Lebensbedinguug, ja Lebensziel ist. Unsere staatliche Einigung ist zu jung; sie hat die Grenzlinien noch uicht verwischen können.
Nasch nacheinander sind die Biographien von zwei Bremern erschienen, 1920 die H. H. Meiers, des „königlichen Kaufmanns" des Begründers des Norddeutschen Lloyd, von Friedrich Hardegeu und Käthi Smidt, der Tochter Meiers, die das begonnene Werk fortführte und abschloß, als Dr. Hardcgen gefallen war, I92l die des langjährigen, hochverdienten und gefeierten Bremer Bürgermeisters Johann Smidt von Wilhelm von Wippen, dein Syndikus und langjährigen Verwalter des bremischen Staatsarchivs (Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter u. Co., Berlin und Leipzig. — Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin).
Beide Männer waren und sind der Stolz ihrer Mitbürger, und beide verdicueu im ganzen deutschen Volke gekannt und genannt zu werden. In ihren Lebensgängen zeigt sich aber ein beachtenswerter Unterschied. Johann Smidt (1773—1857) gehört der Zeit an, in der es noch keinen deutschen Staat gab? er schied aus dein Leben iumitteu der Niedergeschlagenheit, die dem Scheitern der 43er Bestrebungen folgte. H. H. Meier (1899 - 1898) konnte an Bcgründnng und Aufbau des neuen Reiches an seinem Teile mitwirken und wurde dadurch Verhältnissen dienstbar, die naturgemäß mehr über die unmittelbaren Anliegen des heimischen Gemeinwesen hinausgriffeu.
Johann Smidt, der einer Familie entstammte, die der Stadt wiederholt Bürgermeister geschenkt hatte, ist es beschicken gewesen, sie durch die schwierigsten Lagen hindurch zu vertreten und zn leiten, die im Laufe einer tausendjährige» Geschichte über die führende städtische Siedlung am Weserstrome verhängt worden sind. Die französische Revolution mit ihren Folgen stellte das verfallene Deutsche Reich vor ganz neue Aufgaben. Für die Verluste am linken Rheinufer, wie der Friede vou Luneville sie festgelegt hatte, sollte geistlicher, kleinstädtischer und reichsstädtischer Besitz entschädigen. Es galt, Bremen, dessen Rcichsnnmittelbarkeit erst 1741 voll anerkannt worden war, in seiner Selbständigkeit zu erhalten. Kaum war das gelungen, so folgten der Einmarsch der Franzosen in Hannover, die französisch-preußischen Streitigkeiten und die Kontinentalsperre. Bremen wurde 181V mit Hamburg und Lübeck eine der bonnes villes <le I'Kmpire. Als nach der Schlacht bei Leipzig die Befreiungsstuude schlug, galt es, bei der Neuordnung der deutschen Verhältnisse wieder zum überlieferten Rechte zn kommen. Smidt hat die Ansprüche der Vaterstadt nnd neben ihnen die der beiden anderen Hansestädte im Hauptquartier der Verbündeten auf deutschem und französischem Boden während des Feldzuges 1813 14 mit einein Geschick und einer Ausdauer vertreten, die nicht übertrosfeu werden können und zu vollem Erfolge führten. An der Errichtung des Deutschen Bundes hat er Anteil genommen weit über die Bedeutung der von ihm vertretenen Stadt hinaus, und das hat fortgedauert in den Verhandlungen des Bundestages nicht nur bis 1848, sondern auch in den Umwälzungen dieses Jahres uud bei dcr'Wiederhcrstellung des Bundestages. Daneben haben die wichtigsten Veränderungen im inneren Leben der Baterstadt, in den Verkehrs- und Gerichtsfragen sich ausnahmslos vollzogen auf Smidts Anregung oder unter seiner entscheidenden Mitwirkung.
Wenn mau der Darstellung des Biographen folgt, so staunt man über die Vielseitigkeit uud Tiefe der Bildung, über die der Gefeierte verfügte. Dem Beispiel des Vaters folgend, hatte er sich ursprünglich der Theologie gewidmet, hatte 1792—1795 in Jena in naher Fühlung mit Fichte ihrem Studium und dem der Philosophie obgelegen, dauu in der Vaterstadt gepredigt und als Professor am dixmngsmm Mu^lr» gelehrt, bis er 1899 in den Senat gewählt wurde. Es hat nicht geschehen können, ohne das Smidt Gelegenheit gefunden hatte, seine Befähigung auch für die Behandlung staatlicher uud öffentlicher Angelegenheiten zu erweisen. Er hat sie später in glänzendster Weise uud iu deu schwierigste», verantwortuugsvollsten Lageu bewährt.
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