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Brief aus Moskau
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Brief aus Moskau

Brief aus Moskau

Von Lritz Schotihöfer*)

ES ist ein Irrtum, heute nach Rußland zu gehen, um dort blos; die Sowjet­republik zu suchen. Eine Revolution stürzt nur Formen, sie ändert niemals mit einem Schlag das Wesen eines Voltstums. Im Gegenteil, die neuen Formen des staatlichen oder wirtschaftlichen Lebens werden naturgesetzlich vom Grundcharakter der historischen Wesensart bestimmt werden. Darum ist Sowjet-Rußland eine Autokratie geworden, wie es das zaristische Rußland gewesen war. An Stelle des Zaren regiert heute die kommunistische Partei, die mit ihren vierhunderttausend Mitgliedern eine kaum nennenswerte Minderheit bildet gegenüber den beherrschten 130 Millionen. Sie regiert genau genommen mit den gleichen Mitteln, mit Polizei und Heer. Sie muß freilich da, wo der Zarismus auf traditionelle Untertänigkeit rechnen durfte, mit stärkerem Terror arbeiten. Man hat sich jedenfalls die Frage vorzulegen, ob das russische Volk die neue De>potie hinnehmen würde, wenn diese Form der Staatsgewalt, die sich erst aufzwingen muß, nicht noch einem weit ver­breiteten Empfinden entspräche. Gewiß, die bolschewistische Herrschaft wird vom größten Teil der Bevölkerung, vom Bürgertum, von den Gebildeten nur ertragen, nicht einmal mit wirklicher endgültiger Resignation ertragen. Die Resignation, die da ist, entsprang nnr den Fehlschlägen aller gcgenrevolntionären Ver­suche. Darum hat man bei denBurschui" in Petersburg und Moskau auch harte Urteile über die ungenügende Organisation oder schlechte Politische Taktik der Denikin, Judenitsch, Koltschek, Wrangel, die mit ihren Mißerfolgen die Stellung der Bolschewiken nnr gestürzt haben. Wenn jetzt Europa die Sowjetvertretung in Genua empfängt, dann geschieht es doch nur, weil die Note Armee stärker war als alle gegen sie geschickten Weißen Armeen. Beständen noch Zweifel, dann würdeu auch uoch Hoff­nungen bestehen auf eine mögliche Restauration. Da die Welt nun das aus der Oktoberrevolution hervorgegangene Regime mindestens cls tactn anerkennt, bleibt den Russen in Rußland selbst nur übrig sich damit abzufinden. Das wird ihnen erleichtert, wenn es den Sowjetmännern tatsächlich gelingt, den wirtschaftlichen Wiederaufbau durchzuführen. Denn so wenig die gewaltigen rein politischen Probleme in Rußland sich ins Unendliche vertagen lassen, so sicher ist es anch, daß zunächst die Sorge um das zerrüttete Wirtschaftsleben alles beherrscht. Man will zuerst leben, und aus mehr als einem bürgerlichen Munde hörte ich in Nußland die Äußerung:Die Sowjets sind die einzige starke Hand, sind sie imstande, den Wiederausbau zu organisieren, dann sollen sie es tun."

Damit wird die andere gefühlsmäßige Grundlage angedeutet, aus der die vor­läufige Resignation der Nichtbolschewisten erwuchs:Die Furcht vor der Anarchie, die das Verschwinden der kommunistischen Autokratie im Gefolge haben würde. An die Restauration des Zarismus dcukt ernsthaft niemand. Der letzte Vertreter hat ihn mit seiner persönlichen Charakterschwäche zu sehr in Mißkredit gebracht. Der Zarismus hat auch das Land in den verlorenen Krieg gestürzt. Aber rein soll das demokratische Regime aussehen, das heute das Bürgertum uud die rechtsstehenden Arbeitermassen heimlich wünschen? Ist Rußland dazu reif mit seiner dünnen groß­bürgerlichen Oberschicht und den breiten Massen der Bauern und Arbeiter, die keines­wegs einen einheitlichen Willen haben? Würde es möglich sein, auf den zerklüfteten Partciungen eine starke Negierung aufzubauen, die den ungeheuren Aufgaben von

*) Wegen Raummangels bisher zurückgestellt. Grenzboten I 1922