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Mensch und Welt
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Mensch und Welt

Mensch und Welt

von Rud'olf Lücken

Gewisse Fragen lassen sich lange Zeit zurückschieben, sind sie aber einmal aus dem Schlummerstand geweckt, so können sie mit zwingender Gewalt hervortreten und die Führung des Lebens an sich reihen. Ein solches Problem ist die Stellung und die Aufgabe der Menschheit im All. Die Geschichte zeigt hier eine merk­würdige Bewegung, welche stärkste Wirkungen auf den Lebensstand ausgeübt hat und fortwährend ausübt. Wir durchlaufen rasch die Phasen dieser Bewegung.

In der älteren Zeit hing die Stellung und Aufgabe des Menschen gänzlich an der Religion. Als Ebenbild Gottes bedeutete er den Mittelpunkt der Wirk­lichkeit, um ihn bewegte sich das All, und sein Tun entschied über dessen Ge­schicke. Hier war es die ethische Aufgabe, welche den Kern des Lebens bildete.

Nach und nach verschob sich der Schwerpunkt des Lebens von Gott zum Menschen, aber dieser blieb zunächst in einem festen Zusammenhange mit dem All, es war die Vernunft, das Denkvermögen, welches ihn mit jenem verband und ihm zugleich eine bedeutende Aufgabe stellte. Immer ausschließlicher aber hat sich im Verlauf der Zeit die Bewegung in den Menschen verlegt. Die Metaphysik wich der Psychologie, der Begriff der Vernunft verwandelte sich mehr und mehr aus dein Kosmischen in das Menschliche.

Eine besondere Lösung des Problems brachte die klassische Zeit der deutschen Literatur. Hier ward der Mensch durch Kunst und Philosophie in einen inneren Zusammenhang mit dem All gebracht. Nach der Überzeugung jener Zeit umsängt ein und dasselbe Leben den Menschen wie die Natur: Überall ein Walten innerer Kräfte, ein Werden und Wachsen, ein Bilden und Gestalten, ein Streben zum Ganzen. Was aber die Natur unbewußt und unter dem Zwange der Notwendig­keit leistet, das erhebt sich beim Menschen zur Klarheit, Bewußtheit und Freiheit. Wenn mit dieser Wendung das Weltleben seiner selbst inne wird und zugleich seine volle Höhe erklimmt, so wird der Mensch dem Ganzen innig verbunden, und doch über alle Umgebung weit hinausgehoben.

Aber so bedeutend und folgenreich diese Behandlung des Problems war, sie hat der folgenden Zeit nicht gefallen. Der Positivismus lockerte immer mehr alle Verbindung des Menschen mit dem All und beschränkte ihn ausschließlich auf seine eigene Gedankenwelt und auf seine eigenen Ziele. Aber es hat sich dort mit der Ablösung vom Weltall ein gesteigertes Selbstvertrauen des Menschen ver­bunden, sein Bild wurde optimistisch verklärt und die großen Widerstände wurden möglichst gemildert. So kam man freilich zu einer zuversichtlichen Bejahung des Lebens, aber man konnte sie nicht rechtfertigen, ein innerer Widerspruch war unverkennbar.

In eine neue Phase trat das Problem, indem innerhalb der Menschheit große Aufgaben, Verwicklungen, Kämpfe ersichtlich wurden. Denkenden Seelen mutzte bei solcher Wendung die ausschließliche Beschränkung des Menschen aus sein eigenes Befinden zu einem unerträglichen Notstand werden, viel zu eng und dürftig war das dabei gebotene Leben. Wir wissen, daß nicht nur der Krieg, sondern auch die wachsende Verschärfung der sozialen Gegensätze das Gesamtbild

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