FritzWerner
Die Grenzboten
Aus der Geschichte einer achtzigjährigen Zeitschrift nationaler Bedeutung
Von Fritz Werner
Die Grenzboten wurden im Jahre 1841 gegründet. Der Vater dieses Gedankens war Jgnaz Kuranda, der Sohn eines jüdischen Kleinbuchhändlers in Prag. Nach Beendigung seiner Studien, zu welcher Zeit er schon als Theaterkritiker fungierte, wurde es ihm in Wien, eben dem Wien vormärzlicher Zeit zu eng und bald traf man den jungen Schwarmgeist in allen Stätten des damaligen geistigen Teutschlands. Sein Weg führte ihn auch nach Stuttgart, wo ein Trauerspiel seiuer Feder erstmalig die Bühne sah, und nach Tübingen, wo er auch mit Uhland und David Strauß bekannt wurde. Aus dem jungen Studio wurde bald ein gewandter Zeitungsschreiber. Über Paris führte 'ihn der Weg uach Brüssel und hier fand er in den Kreisen literaturfreudiger junger Vlamen, zu deuen es ihn lebhaft hinzog, den Gedanken, zur Pflege der Sta'mmeseinheit und der liberalen Ideen zwischen Belgien uud Deutschland eine Zeitschrift zu gründen. Belgien hatte ja selbst erst "vor wenigen Jahren seine politische Neugestaltuug erfahren, nnd an liberalen Geistern reich, fand er anch von Anfang au führende Mitarbeiter, von denen Henri Conscieneo und der Minister Nothomo besonders Zu beachten sind. Am 1. Oktober erschienen erstmalig in Brüssel in deutscher Sprache die Blätter Kurandas. Sowohl die journalistische Tüchtigkeit ihres Herausgebers, als die Mitarbeit eiues Berthold Anerbach, einrich Laube, Mosen, Beck, sicherten in Kürze das Bestehen der eitschrift. Vom Dichter der Schwarzwälder Dorfgeschichten erschienen erstmalig in den Grenzboten seine „Bilder aus dem Leben eines Weltweisen" (Spinoza) nebeu den Dramen des späteren Direktors des Wiener Bnrgtheaters Laube. Aufsätze über Vlamland wechselten mit Arbeiten ziemlicher Schärfe gegen die Polizeigewalt eines Metternichs. Daneben sind Skizzen über Frankfurt und Leipzig, über das deutsche Theater jener Zeit beachtenswert.
Durch die Änderung der politischen Verhältnisse in Belgien, die ja mehr oder weniger durch das Verhalten des französischen Kabinetts entstand, trat auch eins der Ursprungsideale der Grcnzboten, die Pflege frenndnachbarlicher Beziehungen in den Hintergrund und der Verlag wurde 1842 nach Deutschland verlegt, um dem liberalen Gedanken aber treu zu bleiben. Fr. Wilh. Grunow in Leipzig übernahm das Blatt in seinen Verlag, das wie bisher von Kuranda geleitet, auch den liberalen österreichischen Interessen nun entgegenkam, so daß Ed. Herbst in einer Rede sagt, daß die Grcnzboten ebensoviel zur Hebung des nationalen Bewußtseins Deutsch-Österreichs beigetragen hätten, wie die „Spaziergänge eines Wiener Poeten", des freiheitlichen Anastasius Grün. Die Folge des Verbots in Österreich durch die Wiener Regierung war nur eiue erhöhte Wertschätzung in jenen jnngnationalen Kreisen.
Kuranda blieb aber weiter der rastlose Ahasver. Ständig wechselte er seinen Aufenthalt, nicht selten durch politische Verhältnisse verdrängt — eiu "Spiegelbild journalistischen Lebens vergangener Tage. Doch von hier wie dort sandte er seine eleganten, flotten und pointereichen Artikel seinem Verleger, für beider geistiges Kind unermüdlich schaffend. An I. Kausfmann, der in Leipzig als dem Verlagsort ansässig war, hatte er einen angenehmen Freund uud Mitarbeiter, der die textliche Zusammenstellung des Blattes, da er ja, wie erwähnt in Leipzig wohnte, bald mehr und mehr in seine Hände nahm. Der geschäft
4H8