Die Tut
Die Tat
Von einem (ehemaligen) jungen Lrontoffizier^)
^m Kriege wurde er Offizier. Er weiß nichts mehr von dem, was vor dem Kriege war, was vor 1916 war, als er ins Feld zog. Hat er vorher überhaupt gelebt? —
Der Krieg erst hat seine Augen sehend gemacht, hat ihm das Bewußtsein des Lebens gegeben und ihn gelehrt, bewußt zu leben. Wild warf ihn der Krieg herum. Westfront und Ostfront, Qsel und Finnland, Italien und Balkan' Galizien und Türkei, Marine und Armee, Stab und Front: Die äußeren Geschehnisse stürmten auf ihn ein und jagten ihn von Tat zu Tat, vom Umlernen zum Umlernen. Gesunder Tatendrang wurde zur Siedehitze gesteigert, wurde zur nervösen Geschäftigkeit.
Die Tat prägte den Grundzug seines Charakters. Neben ihr galt nichts; denn er sah, nur sie brachte vorwärts I Sie machte mannhaft, mutig, zähe, rücksichtslos, hart, ehrgeizig. Tat wurde Abgott. Gelahmt war er, wenn Zeiten kamen, wo nicht jeder Tag und jede Stunde zum Entschluß aufrief.
Er weiß, daß zin besonders günstiges Schicksal ihn nie zwang, lange Zeit dasselbe zu tun, ouß er der Gefahr entging, zu ermatten wie Tausende und Millionen unseres Volkes. Das war das Glück der Tat, aber auch der Fluch der Tat, denn nach dem Kriege, als alles in atemschöpfender Weise still stand, brach er zusammen in dnmpfer Resignation, gequält vom Nichtstun.
Doch der Bürgerkrieg forderte Männer der Tat und die Landsknechte wollten Führer haben. Aus seinem Tatendurst wurde Landsknechtstum. Die Tat wurde skrupellos, das Denken roh und die Freude am Leben brauste hoch auf. Weiö und Wein und Spiel und Tanz und Mnsik und Kunst und Bücher und Liebe und Freundschaft sie wurden genossen, als wenn es zum Sturm, zum letzten, Sturm ginge. Mit Einsatz jeder Faser des Herzens und der Kinne!
Der Krieg und der Bürgerkrieg waren vorbei. Dem Neichswehreinerlei entronnen, floh er von Beruf zu Beruf, unstet, ein ruheloser Geist, überall die Dinge rasch packend, jede Situation schnell erfassend und vieles meisternd, weil ihn der Krieg mit seinein Wechsel der Dinge und der Menschen geschult.
Aber sein Tempo verzehrt ihn; er weiß, daß die Tat kein reines Glück ist, . daß er ihren Fluch nicht los werden kann, daß sich seine tiefe Sehnsucht nach Ruhe niemals verwirklichen wird, weil ihn der Drang zur Tat immer cms's neue aufpeitscht — sein L.)Sen lang!
Das ist sein Kriegserlebnis!
*) Unveröffentlichtes aus der Artikelserie „Altes und Neues Heer" von einem jungen Irontoffizier. Grenzboten, Jahrgang 1921, Heft 32—38, 4V, 42—44, 47 nnd 60, (Eitt' Wicklung der neuen Wehrmacht vom alten Heer bis zur ersten Festigung der Reichswehr.)