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"Preußentum und Sozialismus" : aus Briefen
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Otto Braun f

preußentum und Sozialismus

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Aus Briefen von Dtto Braun*) f

Au die Eltern.

13. August 1915 (Im Felde).

Was ich in dieser kurzen Zeit wirklichen Krieges alles hinzugewonnen habe an Erfahrung in jeder Hinsicht! Ich bemerke, daß man gewisse wichtige Seiten des Menschen jedenfalls augenfällig nur im Feuer erkennt, da fällt vieles ab, und Sonderbares steigt auf.

Die Hinneigung zur Sozialdemokratie ist doch im wesentlichen negativ. Wut auf die gesamte verrottete bürgerliche Gesellschaft, Wut auf alle Daheim- gebliebenen, auf alles zu Hause überhaupt. Vou Staatsschöpferischem sehe ich vorläufig nichts. Das einzige Element ist das Gefühl eines neuerwachten Souve­ränitätsbewußtseins. Jeder einzelne ist erstaunlich selbständig und seines Wertes sicher geworden. Ich fälle durchaus keiu Urteil, ich konstatiere nur. Wenn das Heer heimzieht, ist das Selbstgefühl des Volkes ungeheuer befestigt. Es steckt ein gewaltiges Ausmaß von Können dahinter, ein großes Wissen um die Macht. Diese Niesenkomplexe ungebändigter Kräfte gilt es zu erkeunen und zu leiteir, um diese Massen zu produktivem Tun aufwärts zu führen. Ihr könnt versichert sein, meine Eltern, daß ich genan weiß, wie sehr diese Zukuuft der Männer be­darf, und daß es mein tiefer Wunsch ist, an dieser Zukunft schaffend mitwirken zu dürfen. >'

An die Eltern. 21. Oktober 1915 (Im Felde).

Zwei Worte gibt es, die ich jetzt vor allem liebe: Dieust und Haltung. Daß all unser Leben ein Dienst sei am Werk, heilig gefühlt, und wir uuser Da­sein in vollendeter Haltuug lebe», Haltuug, hier gefaßt als durchgebildete Geistig­keit, innen glühend von Leidenschaft, außen aber stahlhart gehämmert, in herr­lichem Maße das Maßlose bergend, das scheint mir notwendig. Wenn ich auf meiueu Staat schaue, Symbol des Unendlichen wie jedes Endliche, mir aber vor den andern sichtbares Symbol, das ich, wie jene Heilige den Namen Christi, stets im Herzen trage, dann erscheint er mir ganz streng und groß uud vollkommen geformt, innen aber von der vielfältigsten Beweguug und dem buntesten Spiel der Kräfte.

Ich studiere jetzt dauernd und lacht nicht! mit wirklicher Passion Felddienstordnung, Reglements, Handbuch usw.? es ist eine fabelhafte Fülle von Wissen und Können in prägnantester Forin dort niedergelegt.

Tagebuch, 21. Mai 1916 (Daheim).

Es gibt im Gruude, deu beiden Formen menschlichen Lebens gemäß, zwei Ideale; der vits activa entspricht der Held, der vita Lontempwtiva, der Priester, wozu sich der Dichter und der Weise in erhabener Gesinnnng rechnen mögen.' Irgendwelche Zwischenstufen männlichen Ideals lasse ich nicht zu; und so ist das meine durchaus der Held. Was aber heißt das heute? Staatsmann, .wohl, aber auch das ist eine Phrase, solange es uns nicht sichtbar wird im Heute/ Heißt es etwa Politiker, dieser mit so viel erbärmlichem, kleinbürgerlichem, so viel fadem und zänkischem Beigeschmack behaftete Name für etwas, was.zu manchen Zeiten dem Helden wohl entsprochen hat? .Heißt es etwa Offizier, Diplomat, alles registrierte Kategorien, die so gar nicht die Größe erreichen? So gäbe es nur einen düstern und nächtigen Ausweg: Wenn ich mich nicht hineinpassen mag in die Gliederungen der Zeit, vielleicht daß sie nnch ausspeit und hinter sich

*)Otto Braun, nachgelassene Schriften eines Frühvollendeten." Mit freundlicher Erlaubnis des Jnselverlags. Keine der Aufzeichnungen des jungen Sozialisten waren zur Veröffentlichung bestimmt.

An die Eltern.

12. September 1915 (Im Felde).

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