Das Militär als Erzieher?
Persönlichkeit Tag für Tag zu Prästieren ....... das System der durch Znchthaus-
androhung erzwungenen Unterordnung nutzte ihm keinen Pfifferling. Jeder Führer im Felde hat gewußt, daß Gehorchen und Gehorchen zweierlei war, nnd daß man einer Truppe sofort anmerkte, wer sie führte: einer, dem sie gehorchen wollte oder einer, dem sie gehorchen mußte.
In den meisten Fällen mnßte sie nur. Die schlimmen Fehler, die von keinem einsichtigen Militär mehr geleugnet werden: die nnverhältnismäßig gute Lebensführung des Offizierskorps, seine übergroße Bevorzugung iu Bezahlung und Equipieruug, der schlimme Unteroffiziersgeist alter Gamaschenknöpfe, die es um so schlimmer mit der Mannschaft trieben, weil sie ans ihr hervorgegangen waren nnd diesen Ursprung mit aller Macht vergessen machen wollien — — alle diese Fehler wirkten auf die Psyche des Soldaten ein. Und es gibt keine ernsthafte kril'gspsychologische Schrift, die diesem traurigen Kapitel nicht einige ernste Seiten 'widmete. (Everth, Göhre, Hefele, Wegeleben, Dreiling).
Man wende nicht ein, daß die schlechten Erfahrungen, die besonders der gebildete Soldat im Felde mit seiueu verbildeten Borgesetzten zu machen hatte, eben nur „Auswüchse" betroffen hätten. Es mag auch an dieser Stelle wiederholt werden, daß es sich nicht um jeue Ausnahmen handelt, die bei vierzehn Millionen Menschen selbstverständlich vorkommen, sondern um die Regel. Um die schlechte niedrige Regel.
Ich habe den „Greuzbolen" zn danken, daß sie es mir ermöglichen, vor einem Publikum zn sprechen, das mich sonst ent-vcder gar nicht oder nur in Auszügen, mit Beschimpfungen verziert, zn lesen bekommt. (Wie es ja denn ein alter Erbfehler der Teutschen ist,' sich kastenmäßig so abzuschließen, das; der eine vom andern ja nichts erfährt.)- Wenn ich das völlig halllose System der preußischen Militärcrziehung negativ werte, so weiß ich sehr wohl, daß es eine große Reihe anständig denkender Männer gegeben hat, dw als Offiziere ihre Pflicht erfüllt haben nnd einfach nicht verstehen konnten, woher diese unterirdische Wut der Mannschaften herrührte. Wer sein ganzes Leben hindurch nicht aus der Sphäre, die ihn hervorgebracht hat, herausgekommen ist, der kann sich nnr schwer denken, daß alle die Grund- voranssetzungen, über die er gar nicht mehr diskutiert nnd die ihm selbstverständlich vorkommen, bei anderen Menschen andere sind, uud daß alles auf diesem Planeten sehr relativ ist.
Wenn es eine Erkenntnis gibt, die alle urteilsfähigen Volkskreise nach diesem Kriege durchdrungen hat, so ist es eben die: So erzieht man keine Menschen. Es ist weder schwer, noch fruchtbringend, mit dem „Menschcnmaterial" (in diesem widerwärtigen Wort liegt bereits eine ganze Welt) so umzngehen, als ob es Briketts wären. So erzieht man vielleicht Heloten oder stnmmgefügige Ordonnanzen, oder eine bequeme Dienerkaste — aber niemals freie denl^che Männer. Die Behanptnng gewisser Kreise, man könne doch einen General nicht wie eiken Mnschkoten behandeln, findet ihre Erledigung in dem Satz, daß man aber sehr wohl beide wie Menschen anfassen kann — also den einen nicht wie ein Stück Holz nnd den andern nicht wie einen Gott.
Das mir zur Verfügung steheude Material über die Folgen dieser Mißwirtschaft ist ebenso erschttttcrud wie schwerwicgeud, und ich glaube nicht, daß sich eine solche lange Reihe von Knllursymptomen mit Spektakel und Beleidigungsprozessen aus der Welt schaffen lassen. Dazn ist die Sache zn ernst.
Und man möge endlich auch dem Pazifisten den guten Glauben und den guten Willen zubilligen nnd nicht immer so tnu, als ob geborene Zivilisten ein persönliches Interesse an der Herunlerwirtschaftung des Militärs habeu. Ein persönliches gar nicht. Ein kulturelles an 'seiner Abschaffung sehr wohl. Ob das objektiv richtig ist oder nicht, mögen Berufenere beurteilen. Uns aber erlaube man als Sinnspruch der Militärpüdagogik jenes Wort eines Stabsarztes Dr. Luffa vom Feldlazarett 164 aufzuzeichnen: „Erst kommen die Offiziere, dann die Pferde, baun die Latrinen und zuletzt die Mannschaften."
Wir können das nicht vergessen.