Völkisches Erlebnis
völkisches Erlebnis
Von Hans Stelter Hauptschriftleiter des Deutschen Tageblattes
Ü?ein Erlebnis ist schlechthin e i n fach, ist das Erlebnis, das ich mit Hunderttausenden von Frontkämpfern gemeinsam habe, in welchen Parteien und Schichtungen sie sich heute auch immer finden, ist das tiefinnerliche und beglückende Bewußtwerden deutscher volksbürgerlicher Gemeinschaft. Erwachsen aus dem, was man mit Frontgeist bezeichnet, gehämmert in Stunden ergreifender völkischer und staatlicher Not und hart, stahlhart geworden in klarer Erkenntnis dessen, was dereinst war und was heute — und heute mehr denn je — ist, schließt dieses Erleben in sich den unbedingten Willen und die unbedingte sittliche Kraft zurForm und zur Formgebung. Oder anders ausgedrückt: den unbedingten Willen, auf dem Boden dieser gemeinen Wirklichkeit jene höhere Wirklichkeit zu errichten, die — in völkischer wie in staatlicher Hinsicht — einzig wahrer Ausdruck und einzig wahre äußere Form jenes Erlebens darstellt, die Verkörperung wahrhaft völkischer und staatlicher, d. h. wahrhaft sittlicher Macht. Was aber dereinst war und was heute — und heute mehr denn je — i st, hat wohl kaum jemand besser ausgedrückt, als Nietzsche in jenem Zarathustra- wort, wo er den Weisen sagen läßt: „Sprachverwirrung des Guten und Bösen: Dieses Zeichen gebe ich euch als Zeichen des Staates. Wahrlich den Willen zum Tode bedeutet dieses Zeichen I" Wille zum Tode als Zeichen des Staates und nicht nur des jetzigen, wenn auch des jetzigen mehr denn der bisherigen! Alle aber, die das Erlebnis des Krieges und der Front mit mir gemeinsam haben, wissen, daß dieser Wille etwas ihnen zu tiefst innerlich Wesensfremdes, daß er nicht ihr Wille ist. Sie fühlen in sich lebendig und quellend den Glauben und die Gewißheit, daß wir trotz allem und allem ein junges Volk sind, das nicht oder noch nicht endgültig hinabsteigen kann in die Niederungen, in denen Völker sich verlieren und in denen sie untergehen. Sie wissen, daß wir, einmal frei von jener „Sprachverwirrung des Guten und Bösen" uns endlich, d. h. in dieser Zeit wieder emporringen müssen und emporringen werden zu jenen Höhen, die uns vorbestimmt sind.
So schließt denn das Erlebnis der Jugend unseres Volkes das Erlebnis und das Bekenntnis der Jungen in sich. Aus den gesellschaftlich, wirtschaftlich und parteipolitisch rissig und brüchig gewordenen senkrechten Schichtungen sogenannten staatsbürgerlichen Lebens hat sich in diesen Tagen wahrhaften Erlebens da, wo die Schichtungen am gesundesten sind, alle bisherigen unsittlichen und widernatürlichen Abgrenzungen durchschneidend, eine wagerechte Schichtung herausgelöst und ist — dem Einzelnen bewußt oder unbewußt — unlöslich in- einander verwachsen. Die Sprachverwirrung ward entwirrt, der Wille zum Tode Wille zum Leben, das Nichtverstehen können zum Verstehen wollen und Verstehen müssen! Das Schlagwort ward erkannt als Schlagwort, das den Sinn des Wortes erschlägt, das die Idee zur Lüge und die Lüge zur Idee stempelt; der Begriff des Volkes ward zum Inbegriff dessen, was gemeinsamen Blutes, d. h. gemeinsamer Abstammung, Geschichte und Kultur ist, die Summe der Geschlechter, die da heute sind, gestern waren und morgen sein werden; die
Grenzboten I 1922
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