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Krieg und Maler : aus Feldbriefen von Franz Marc ✝
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Krieg und Maler

Arieg und Maler

Aus Leldbriefen^) von Fr^nz Marc f

»)eh wäre in München stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden gewesen und halte für wein Wesen und Denken zu Hause uichts gewonnen, sicher nicht das gewonnen, was mir hier draußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen stiller und melancholischer wirst Du mich vielleicht finden Du wirst es auch sein? die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie früher. Eine solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle hundert Jahre, viel seltener sogar. Was mir das Soldatenleben schwer machte ( es wäre in München das gleiche), daß ich neben und zwischen dem Dienst hindurch immer andere Gedanken und Pflichien im Kopf habe und den Dienst immer gegen meine Kopfarbeit und diese gegen den Dienst ausspielen muß. Ich beneide so oft meine Kameraden, die im Feld nur Soldaten zu sein brauchen und von nichts anderein innerlich gequält und beschäftigt werden als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe wie sie. Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen, Null es auch gor nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten Gespräche, denen ich zuhöre, bekommen für mich emen geheimen Sinn und Hintersinn; hinter allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das Ohr und Ange bekommen hat, läßt es einein keine Nuhe mehr. Auch das Augei. Ich beginne immer mehr hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu sehen, ein Dahinter, das die Dinge mit ihrem Schein eher verbergen, nieist raffiniert ver­bergen, indem sie den Menschen etwas ganz anderes vortäuschen, als was sie tatsächlich bergen. Physikalisch ist es ja eine alte Geschichte; wir wissen heut», was Wärme ist, Schall und Schwere wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die wissenschaftliche. Ich bin überzeugt, daß hinter dieser uoch wieder eine und viele liegen. Aber diese zweite Deutung hat den menschlichen Geist mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die wir bis jetzt erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich auf ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser ProblemI An solchen Problemen Herum­fingern und sich quälen und gleichzeitig Soldat sein und kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist wirklich oft schwer.------

Du schreibst in einem Deiner guten Briefe,man sollte um der Sache willen um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört" und daß ein solcher Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht, daher auch gegenwärtig die große Spaltung meines Wesens, die von dem ungewöhnlichen Leben und den ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird. Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander; das eine Leben des Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich beständig den sonderbarsten Jdeenassoziaiionen und Erinnerungen unterworfen bin, zum Beispiel als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde das ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank ichsehe" uns plötzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir anch die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keine Erlebnisse mehr für mich; ich sehe mich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten, sprechen usw.

Das zweite Leben ist schon eherErlebnis", die Gedanken an Europa, Tolstoi, August, Nied, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die Fliegerkämpfe (deren

*) Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags Paul Cassirer denBriefen und Auf­zeichnungen, Aphorismen" von Franz Marcs entnommen.

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