Beitrag 
Dogmenglaube und Kriegserlebnis
Seite
404
Einzelbild herunterladen
 

NlphonsNobel

Dogmenglaube und Ariegserlebnis

von Alphons Nobel

^!uf einer anderen Seite dieses Heftes steht das schöne Wort:Ich lebe sterbend, ich sterbe lebend, ich bin im Bunde mit Gott" und wenn ich die Quintessenz meines Kriegserlebnisses überhaupt sagen kann, so ist es ebenfalls mit diesem Wort.

Irgend ein ungeheures Schicksal führte uns so jung zum Rande der Welt, und, als wir hinabschauten, sahen ivir den Tod. Die von uns, die gläubig im Sinn des Christentums geblieben waren, hatten es nicht schwer, weltanschaulich damit fertig zu werden. Wir wußten alles aus unserer Kindheit: es galt, immer bereit zu sein; und da wir so jung waren, fiel es uns nicht schwer.

Keiner, der das nicht innerlich weiß, wird diese unendliche Beruhigung, diese Klarheit, verbürgt von der Möglichkeit und der Nähe des Todes, begreifen können. Freilich war alles rätselhaft, war diese Nähe des Todes, die ja zugleich Gottesnähe war, auch gleich wieder schauerndes Geheimnis und metaphysisches Erschrecken. Aber doch nur intellektuell; im Leben war es eine konkrete Wirk- lichkeit, selbstverständliche Gewißheit.

So lehrte uns der Krieg, daß unser Kindheitsglaube, genau so wie er im Katechismus stand, groß und weit genug ist, Form für all unser Erleben zu sein. Ging doch selbst jene Ungeheuerlichkeit in diese Forin ein.

Wir wurden in dieser gänzlich unkomplizierten religiösen Einstellung auch weltanschaulich Kameraden unserer Kameraden. Philosophische Einstellung ist Einsamkeit, weil bedingt von Reflexion, die Schulung voraussetzt. Nicht minder die künstlerisch-gefühlsmäßige Einstellung, die nicht Allgemeingut sein kann, weil sie die Fähigkeit der Formulierung voraussetzt. »I'ne trappe kew«, beide Male. Nur im positiv-religiösen Glauben besaßen wir die gleichen Glaubens­inhalte, und es kam keineswegs auf Schule, Wissen oder Erziehung an. Wir Gläubigen hatten die gläubige Kindheit, auf die es allein ankam, und die hatten wir alle. Was man uns da gelehrt hatte, was wir im großen Kindesver­trauen in jenen weihrauchdurchfluteten Kirchen zuerst betend erprobt hatten, was wir glaubten, einfache und in ihrer Klarheit beruhigende Dinge, das ging uns in jenen Jahren in seinem ganzen Sinn auf und trug uns allen die gleiche Frucht. Daher konnte der gläubige Offizier mit seinen Soldaten vor den gleichen Altären knien, und die gleichen Gebete beten. Vor der Schlacht beichten, gemeinsam kommunizieren. Eine tiefer verbürgte Gemeinschaft gibt es nicht.

Und für unsere gefallenen Kameraden konnten wir beten, im innigen Ver­trauen, daß wir ihnen irgendwie damit etwas Gutes taten. Ein Vaterunser am Grab, der letzte Liebesdienst.

Wenn ich jetzt zurückdenkend jene Jahre durcheile, wie seltsam leuchtend ist die Erinnerung an unseren Feldgottesdienst. Ein Frühlingsaltar im Flieder, wir knien, viele graue Soldaten, davor und beten zur Königin im Mai. Es sind die Tage der Aisne-Schlacht; täglich sterben welche von uns. Wir beten für sie, morgen werden andere für uns beten.

Es ist schwer, heute davon zu sprechen, wo das religiöse Leben wieder tiefer in uns zurückgesunken ist. Aber es ist vielleicht gut, heute wieder davon zu sprechen, damit wir uns erinnern an die Kraft des Religiösen, aus Menschen­gruppen Gemeinden zu machen. Nicht nur im vagenErleben" des Augenblicks, der verfliegt wie ein Duft. Was sich uns draußen bewährte in der Todesgefahr, was die Probe in Jahren der äußersten Not bestand, war ein klar umrissener Bewußtseinsinhalt, war unser Glauben, und. ich wage das geschmähte Wort, waren die Dogmen unserer Religion. Sie waren es, gerade weil sie starr, nicht zu deuten und zu biegen, weil sie absolut sind.

Sie sind uns das geworden, was dem Lande, in dem wir kämpften, die gotische steinerne Starrheit der Kathedralen ist: unendliches Symbol des Gött- lichen in uns, Symbol der himmelstrebenden Sehnsucht zur Ewigkeit und der formenden Gnade --- der Krieg hat es uns gelehrt.

HÖH