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Unsere Divina Commedia
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Unsere Divina Commedia

Unsere Divina (Lommedia

Von Gawan

Anfang unseres Lebens war der Krieg, Die anderen Generationen konnten aus der stillen Kindheit in das große Leben treten, wie man ans einein Garteu hinaus ins Freie geht. '

Wir aber mußten wie Dante die Hölle durchwandern von Stnfe zu Stnse, von Ring zu Ning. Und zn uns gesellte sich kein Führer, der die Worte unseres Eingangs gedeutet hätte. Wir begriffen sie anfangs nicht, erst lange nachher, nach Jahren erst, lernten wir ihren Sinn.

Wenn es nichts weiter gewesen wäre, als daß wir nicht wiederkehrten.! Damit rechneten wir, und es war uns seltsam gleichgültig, ob Heiimkehr oder- Tod. Aber !vir rechneten damit, daß das eine oder das andere schnell kam es sollte s o sein: ein paar Wochen Himmel und Hölle und gleich dije siegende« Heimkehr, die Häude noch warm vom Abschiednehmen; oder aber ein jauchzendes Sterben, ein Verlodern der Jugend in Sieg und Tod.

Wir begriffen den Sinn des Inferno noch nicht. Langsam mußten wir die Stufen znm Abgrund hinabsteigen, und, rückwärts gewandt, begannen wir, die Schicksalsschrift unseres Höllentors zn entziffern. Ihr Sinn aber war, daß jenes Umarmen 1914 gar nicht der letzte Abschied von der Heimat blieb, und jenes Hinausreiten unter der Fahne, in deren Rauschen der Sieg wohnte, gar nicht das einzigste Jn-den-Krieg-ziehcn! Wir wurden die Meister des Abschieds vor allen Generationen. Gewiß, auch die anderen hatten sich losgerissen und waren siegend in Feindesland geritten. Aber sie waren doch nur einmal weg­gegangen, wir aber kehrten immer wieder und mußten immer wieder hinaus, ein jedesmal erfahrener in der Bitterkeit des Krieges. Und der Abschied lernt sich nicht.

Wir mußten ein Flammenmeer durchwandern und kamen in immer größere Pein. Die ersten Kriegswochen verranschten wie ein Fest, die unendliche Kette der einsamen Nächte hob! an, und durch ihre Stille begann die Heimat, die schmerz­lich geliebte Heimat, tief aus unserer Seele leise eindringlich zu rufen, klagend wie Muttergebet, ein unendliches Heimweh. Nie mehr werden wir dies ver­gessen können, und immer werden in unseren Träumen die Leuchtkugeln jeneo Nächte stehen.

Wir stiegen hinab! in die Hölle der Welt, vou Stufe zu Stufe. Ein neuer entsetzlicher Sinn des Sterbens ging uns auf: wenn einer von uns fiel, so war es nicht sein Tod, sondern unser Tod. Nicht das Sterben war schlimm, aber daß man sterben und doch am Leben bleibend dies fühlen mußte. Waren wir nicht hinausgezogen, ein Volk, ein Heer, ein einziger Körper, voll warmen Lebens uud rotein Blut? Jeder Kamerad, der fiel, war wie ein Glied, das unseren: Körper abgehanen wurde.

Uud dann, wie erschraken wir, daß es nicht beim Blute blieb, sondern Ab­gründe des Hasses sich austaten. In Dantes tiefster Hölle liegt der Verrat uud die Eisberge der Hoffnungslosigkeit. Anch in unserem Inferno. Uud erst, als wir diese tiefste Hölle uud diese Hoffnungslosigkeit bis ans den Grnnd aus­gekostet hatten, als wir in der schwersten. Stunde die Vergeblichkeit unseres Kampfes begriffen o Heimat, Nur konnten dich nicht besser hüten, nicht mehr für dich sterben, erst dann ritten wir, auf seltsamen, novembergranen Wegen zurück zur Heimat, znm Pnrgatorio unserer Zukunft.

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