Otto Brües
Das Ariegserlebnis
von Otto Brües
9as Wagnis, auf zwei Seiten übers Kriegserlebnis zu berichten, ist mir mit dem Hinweis möglich, wis sehr diese Sätze als Abkürzung genommen sein wollen. In dein Strudel oes Herzens, der uns von der Prima in die Noljahre hineinriß, schlugen, nicht immer von den Wellen der Liebe zum Vaterland unterschieden, mächtig die Wogen der Abenteuerlust. Von hier aus kamen die ersten bestimmenden, Eindrücke: das Leben des Schülers vor dem Kriege floß sanft und glatt dahin. Je nach der Neigung schlugen sich die einen zum Wandervogel, die andern zum ^port, wieder andere — wir wollen sie nicht unterschätzen — stürzten sich in den Wirbel der Gioßstadt, Aber wo wäre, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ein Kampf auf Leben nnd Tod gewesen? Der war nun da, und mit ihm für die, die hinaufzogen, eine unendliche Erweiterung nicht nur des Gemeinschaftse'lebens, sondern zunächst einmal des persönlichen Daseins. Mir selbst werden — und so einsam bleiben wir immerhin, das; wir nur mit eignen Augen sehen, mit eignem Ohr hören, außer wenigen Stunden der Liebe nnd Freundschaft — mir selbst werben da drei Tage eines KriegSwinters unvergeßlich sein. An einem Samstag früh stand ich auf dem Lnxpvsten eines Jnsanterie- bataillons vor der Jsle de Francs, als mir ein Kamerad, durch die gefahrvolle Sappe rennend, den Urlaubsschein brachte; am Sonntag früh stapfte ich schon durch die Straßen meiner Heimatstadt uud war bei den Meinen; am Montag mittag begrub ich den besten Freund, dessen Leichnam sie von der Front geholt hatten, und sah noch am gleichen Abend eine andere Hoffnung zusammenbrechen; solch eine Steigerung des Daseins im jähen Wechsel von Not und Geborgensein. Leid und Freude erlebten wir alle wohl zum ersten Male und ernteten sür uns ein Lebensgefühl, wie wir es nie für möglich gehalten hätten. Ich glaube nicht — und damit schreitet die Betrachtung schon vom Ich zum Erlebnis iur Gemeinschaft fort — daß der Krieg, der das Schwarze dunkler, das Helle lichter machte, uns andere Entscheidungen auferlegt hat, als sie das Leben sonst gebracht hätte; aber es trug sie schneller, härter und schärfer an uns heran.
Von hier aus zum Erlebnis der Gemeinschaft war nur ein kurzer Schritt. Der wunderbare, wesensfremde Menschen zusammenschmelzende Feuerstrom und der große Atem der Einheit sollen unvergessen sein. Doch war es so bitter, als wir dann erleben mußten, daß dem großen Ziel der Volkwerdung der Beharrungswille der Masse entgegenstand, daß Volk und Masse mit der Zeit sich deutlich schieden. Was halfen Begeisterung und Führerkraft, was Zähnezusammen- beißen und Freudigkeit? Aber nicht das ist mir das Schmerzlichste gewesen, sondern die falsche Schichtung des Jührertums. Da hat sich mir ein Augenblick ätzend in die Erinnerung hineingefressen. Ich war Vizefeldwebel, war Zugführer geworden und sollte zum ersten Male eine völlig fremde Kompagnie vorexerzieren. Viele alte Leute, die mir hätten Vater sein können, standen im Glied. Da sprach ich denn vorher einige, wie ich glaube, frische Worte; sie möchten sich Mühe geben, damit wir schnell und reibungslos fertig würden, sie sollten nicht in jeder Jugend ein Hindernis des FührertumS sehen, sie sollten an die Aufgabe denken, vor der alle Unterschiede des Alters und der privaten Denkweise zusammenbrächen. Ich fühlte, wie ich die Herzen gewann — stets gab ich auch in der Kompagnie den Gesangunterricht, und das war der schwerste — und sah die
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