B ü ch e r s ch a u
Vücherschau
Politik
Nachdem die „Grenzboten" kürzlich eine Betrachtung Herbert Eulenbergs über Holland gebracht haben, die bei manchen deutschfreundlichen Niederländern und hollandfreundlichen Deutschen Widerspruch gefunden hat, verzeichnen wir heute den Vortrag des Prof. Dr. I. G. «leeswy», Deutschland und Holland als Nachbarn (Hang, Boelh van Stocknm, 1921). Der bekannte unermüdliche und tapfere Vorkämpfer eines deutsch-niederländischen Verständnisses behandelt die Frage mit vollendetem Takt, mit Anschaulichkeit, ohne Phrasen, Welt- und menschenkundig. Solche internationalen Verniittler braucht die Welt heute.
Ernst Fromme, Die Republik Estland und das Privateigentum. Berlin, Baltischer Verlag 1922. Preis M. 6 —. Anklageschrist und historische Darstellung zugleich. Die Beraubung des deutsch - baltischen Landbesitzes durch estnische Habgier — unser in eigene Nöte und Triebe versunkenes Volk hat ja keine Zeit, an das Unrecht zu denken, das unseren baltischen Brüdern geschah und geschieht — aber dem estnischen Staat wird unrecht Gut nicht gedeihen.
Mansnr Nifat, Das Geheimnis der Ermordung Talaat Paschas. Ein Schlüssel für das englische Propagandasystem. Berlin. Morgen- und Abendland Verlag. Im großen ganzen richtig, wenn auch für den Kundigen nicht neu. Dem Unkundigen würde es durch die sensationelle Aufmachung bessere Dienste leisten.
Dr. Phil. Gerhard Leibholz, Fichte und der demokratische Gedanke. Ein Beitrag zur Staatslehre. Freiburg i. Br. Julius Boltze. M. 20.—.
Im selben Masz wie das Wort „Demokratie" zum Schlagwort des Parteilebens geworden ist, unter dem jeder Freund oder Feind eine bestimmte konkrete Machtgestalt zu kennen glaubt, desto unbrauchbarer und verschwommener ist dieser Begriff, überhaupt die veraltete aristotelische politische Begriffsbildung Monarchie, Aristokratie, Demokratie usw. für die wirkliche Staatswissenschaft geworden. Nun gnr Fichte in die Begriffswelt der heutigen deutschen demokratischen Parteien einspannen wollen, heißt notwendig Fichte fälschen. So wenig sein ethisch-religiöser Freiheitsbegriff mit dem Freiheits- schlagwort der französischen Revolution, so wenig und noch weniger hat sein demo-
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kratisches Prinzip zu tun mit den Lieblingskonstruktionen der heutigen Miterben des deutschen Zusnmmenbruchs. Es soll gern zugegeben werden, daß Leibholz gründlicher vorgeht als sein Vorgänger Gebhardt und Gertrud Bäumer, die Fichte zum sozialistischen bezw. demokratischen Parteiheiligen gewinnen wollten. Aber auch bei Leibholz streift das Bemühen, die Harmonie zwischen Fichte und der Weimarer Verfassung nachzuweisen, leise das Gebiet des Humors.
L^lvsin Lrioll»^, I^'Irlan6e Insur^ee „I^es Problemes ä'sujourllnui." Paris, I^i- brsiris PI011, pton - I^ourrit et Lie, Impnmeurs-Läiteurs. - Die erheblich höhere Politische Befähigung des durchschnittlichen Franzosen verglichen mit dem durchschnittlichen Deutschen macht die Lektüre französischer Historisch-Politischer Schriften für uns häufig sehr lehrreich. Überall, wo das französische Interesse hineinspielt, ist ja die Objektivität des Patriotischen Publizisten dahin. Hier, wo es sich um einen Gegenstand von verhältnismäßig neutraler Gestalt für französische Interessen handelt, gibt Sylvain Briollay eine Darstellung des irischen Unabhängigkeitskampfes, die auch bei uns mit größtem Gewinn gelesen werden kann, weil sie alle Vorzüge dds französischen Politischen Intellekts und Stils ausweist.
V. Ventura, IVlmperialismo inxlese e le conseZuen^e ilella xuerrs europes. kioma, ^usonis. 1920.
Untersucht die wirtschaftlich - finanziellen, industriellen, Handels-, kolonial- und politischen Einwirkungen des Krieges auf den vom Verfasser nicht für unüberwindlich gehaltenen englischen Imperialismus. Ein gescheidter, 'scharfsichtiger Beobachter, der überall Alterserscheinüngen an Englands Organismus aufdeckt.
Wer ist der Beherrscher Europas? Politisch-militärische Betrachtungen auf Grund des Bersailler Vertrages und der Erfahrungen des Weltkrieges. Berlin 1921, E. S. Mittler u. Sohn. M. S.—. Die Antwort auf die von dem unge- genannten Verfasser aufgeworfene Frage gibt er selbst: Frankreich. Der Friede von Versailles ist ein französischer Friede, England selbst durch die Hegemonie der einzigen militärischen Großmacht bedroht, die sich am Rhein (nach ihrer Absicht für immer) festgesetzt hat. Von größtem Interesse sind die: