P a u l Fe ch t e r
Bildende Kunst
Von jDaul Fechter
Ausstellungen. Es ist schon zu sehen, wie die nene Welle des Lebendigen in den künstlerischen Unternehmungen Berlins immer Weiler steigt, allen Schwierigkeiten und Hindernissen zum Trotz. Wo noch vor einem Jahre mißvergnügtes Zögern herrschte, folgt heule Ausstellüug'auf Ausstellung: der grotze NevisionSProzeß der Kunst der letzten beiden Generationen wird mit jeder um eine Stufe weiter zur Klärung gebracht.
Ludwig Justi geht dabei mit gniem Beispiel voran. Die Bechsteiuausstellung im Kronprinzenpalais hat er durch eine große Sammlung von Werken Franz Marcs abgelöst — und fast gleichzeitig bringt er in der Nativnalgalerie eine Ausstellung von Hans Thonin, die eigentlich d i s Thoma- ausstellung ist, die erste, auf der man Wesen und Stellung des Malers nnn einmal im Zusammenhang fast erschöpfend erleben und feststellen kann. Und zugleich eiue Ausstellung, in ihrer Wirkung so reich und beglückend, wie wir lange keine mehr erlebt haben.
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Es ist schwer, diese 200 Bilder aus den Jahren 1858 bis 1913 sachlich und kritisch zu werten. Denn unter diesen Bildern sind die meisten Landschaften, und diese Landschaften des jungen wie des alten Thoma sind von einer so reichen strahlenden Schönheit, haben allen Glanz und alle Herrlichkeit des Daseins auf dieser Erde fo selbstverständlich eingefangen, daß man das, was Kunstmirkung an ihnen ist, nur mit bewußter Einstellung herauslösen kann aus der Einheit, in die es mit dem dargestellten Stück Natur und dem erlebten Gefühl des Malers eingegangen ist.
Wunderlich stark und weich zugleich ist dieses Gefühl Hans Thomas, das die Welt seiner Bilder erfüllt. Es ist ganz einfach, ganz natürlich, das Empfinden eines Menschen, der sich rein seiend, mit abgespanntem Willen vor die Natur hinstellt, sein Gefühl in sie, ihre Schönheit in sich einstrahlen läßt und nur im Tiefsten das Glück des Daseins auf dieser strahlenden Erde empfindet. In diesem Gefühl ist nichts Problematisches, nichts von Rückkehr zur Natur oder dergleichen: ein süddeutscher Eichen- dmffmensch spricht oder vielinehr spricht nicht, sondern gestaltet schweigend sein Erlebnis. Er nimmt die reiche Welt weich
mit allen Sinnen in sich hinein, der er selbst ein ihr noch ganz nah verbundener Teil von ihr ist — und stellt ihr farbiges Abbild hin, den geheimsten Rhythmus der Erde in seinem Blut zu tiefst mitfühlend und ohne bewußte Absicht im Bilde gestaltend. Und man steht davor und betrachtet das Bild, will sich an der Malerei erfreuen — und auf einmal versinkt die Mäche: der endlose Raum litt sich anf, „mit Bergen, Himmelslust und Wanderwölkchen" und man überläßt sich der Herrlichkeit dieser Gegenden am Rhein und Main, Taunus und Schwarzwald, statt nach Einflüssen von Corot und Courbet, von Böcklin und Schirmer und Schulderer zu fragen. Es ist nicht leicht, von diesen Landschaften was und wie zu trennen — und es bleibt einem schließlich nichts übrig, als sie gut expressionistisch rein als GesühlsnuSdruck zu nehmen und sich dem Glück dieses warmen ungebrochenen Gefühls, das ihnen entströmt, unter reuelosem Vergessen all seiner kritischen Weisheit zu überlassen. Dann begreift man, daß gerade die jüngste Generation ini alten Thoma ihren Herrn und Meister verehrt. «
Man begreift es freilich auch vor der Malerei, wenn man schlichlich doch einmal mit kühlem Kopf zwischen all diesen Dingen uinher wandert. Es ist schon, »eben wenigen verhauenen Dingen, eine Fülle edelster Malerei hier zusammen — ein Handwerk, so selbstverständlich und verfeinert, wie das Gefühl für das Dargestellte es verlangt. Die sechsziger und siebziger, auch noch die achtziger Jahre bezeichnen den Höhepunkt. Dinge wie die „Geschwister" der Sammlung Arnhold, mit der ganz feinen Skala von grau, blau, gelb — das Bciyersdorfer Porträt, nobel wie Trübners Schmuck, die beiden Blumensträuße und daneben der ganze Neigen der Landschaften von Säckingen bis Frankfurt — das ist Malerei, die aller Diskusston entrückt ist, weil sie ohne jede Absichtlichkeit rein aus den Dingen und dem Handwerk gewachsen ist, einfach und aufrichtig wie das Gefühl, das sie trägt.
Dies Gefühl ist von Anfang an da und wandelt sich nicht. Es ist kaum Entwicklung in Thoma; er ist, er wird nicht. Höchstens das Handwerk wandelt sich leicht — und zuweilen fällt eine Verwirrung in dieses einfache Gefühl: es kräuselt sich, ein Paar Bilder
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