Haus Franck
Gerrit Gngelke")
Von Hans Franc?
Unter all den vielen Verlusten, welche die deutsche Dichtung durch den Krieg erfahren hat, ist der, daß Gerrit Engelke einem Schuf; zum Opfer fiel, soweit es sich heute übersehe» läßt. Wohl der schmerzlichste. Die Walter Flex, Gorch Fock, Ernst Stadler, Georg Trakl, Hermann Löns, Gustav Sack, Hermann Lotz und wie sie weiter heißen mögen, hatten alle schon mehr oder minder ausgeprägte Werke gegeben, so daß ihr Bild im Wesentlichen unverrückbar vor uns steht. Bon Gerrit Engelke, der durch eine schwerflüssige Anlage und seine Herkunft aus den Tiefen des Volkes einen viel längeren und beschwerlicheren Weg vor sich hatte, als sie alle, lag nicht nur bei seinem Fortgerissenwerden von der Erde noch kein einziges von ihm selber gutgeheißenes Werk vor, auch der Versband, den Jakob Kneip als Freund und Sachwalter des Gefallenen drei Jahre nach seinem Tode verlegt, gibt uns kein eindeutiges Bild seiner Kräfte. Kaum die Möglichkeiten seines Könnens, geschweige denn seinen wahrhaften Stand läßt es uns abschätzen. Ich komme gewiß nicht in den Verdacht, den Versen Engelkes gegenüber ungünstig voreingenommen zu snn. Weit eher trifft das Gegenteilige zu. Habe ich doch vor'Jahren schon den Aufruf Kneips an „Die lieben Deutschen", der jetzt den, Ausklang deS Buches bildet und eiue Reihe der stärksten Gedichte, samt hervorragenden Briefen in den Masken als erster abgedruckt. Und doch muß ich es sagen: der ungewöhnlichen Hoffnung gegenüber, welche jene Proben und die Worte Kneips in mir weckten, bedeutet dieser Versdand mit seinem auftrumpfenden Titel eine zwar leise aber unverkennbare Enttäuschung. So unanzweifelbar die urtümliche stürmische Kraft Engelkes ist, sie steckt noch weit mehr im Ungelösten, Krampfigen, als ich es nach den Einzelgedichten für möglich hielt, und seine Sachwalter es sich uud anderen zugeben. Einförmigkeit und Unförmigreit, Abhängigkeit (von Dehmel, Whitman), Kraft- ungebärdigkeit und Kraftgetue verwirren immer anfs neue, so daß es außerordentlich schwer hält, den Ausgleich zwischen dem Glauben und dem Zweifel, zwischen dem Angezogen und dem Abgestoßen werden zu finden. Um so niehr als die Frage unbeantwortet bleiben muß, wie weit das Hemmende eine Entwicklungszufälligkeit, wie weit es für die Begabung Engelkes wesensgemäß war.
Aus dem ChaoS des in den Kriegsstrudel gerissenen deutschen Volkes ist Gerrit Engelke hervorgeschleudert, ein Eigener, mit besonderem Gesicht, und doch immer noch irgendwie dem Namenlosen, der Allgemeinheit verbunden. Dieser Anstreicher, der auf dem Gerüst mit einem Dänen von Niels Lyhne sprach, der mit einem Jugendfreund, dem er ein grandioses Monument in dem Aufruf an die Soldaten des großen Krieges setzte, in Brahms, Bach und Beethoven schwelgte, hat niemals seine Herkunft verleugnet. Ein Sohn des Volkes ist er geblieben. Einer, der die Dinge der Wirklichkeit mit ihren unverfälschten Namen nannte. Der nie und nirgends schön, der immer nur wahr und ehrlich sein wollte. Einer, der mit Worten das zu Sagende genau so anpackte, wie er die Geräte seines Werkeltages mit der Faust packte und sich zu Willen zwang. Man kann sich kaum vorstellen, daß er die Feder anders führte als den Pinsel. So kraftvoll, so farbig, so unverbraucht sind seine Worte. Und ein stampfender, harter, stoßender Rhythmus ist darin wie in Maschinen. Aber in diesem, mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit Stehenden, mit offenen unsentimentalen Augen das Tatsächliche Schauenden, lebte eine ewig ungenügsame, schweifende, schwärmende Seele. Die Seele des deutschen Handwerkgesellen, den es aus dem Nahen, Vertrauten in die Ferne zum Niegekannten reißt, und der doch, wenn er seiner Sehnsucht folgt, nie ganz des Heimwehs Herr wird. So reißt es Engelke immer wieder in die Weiten. In die des Himmels, der Erde, des Herzens. Aber er wird die Sehnsucht nach der Erde, nach der Wirklichkeit niemals los. Er verliert den Heimatklang, den Erddialekt nicht aus seiner Sprache. Dadurch kommt in diese Verse etwas Zwiespältiges. Man fühlt, daß hier jemand zwar nicht eine fremde Sprache, aber doch einen fremden Sprachklang spricht. Engelke selbst fühlt es und Peitscht seine Worte vor sich her, um es zu verdecken. Um sich selber an ein Daheimsein glauben zu machen, wo Fremde für ihn ist.
") Rhythmus des neuen Europa, Gedichte verlegt bei Eugen DiederichS. Jena. 1S21.
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