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O. G. von Wesendonk

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Amerikas Ablehnung. Der gegen ihn entfesselte Sturm hat Lloyd George nicht zu stürzen vermocht. Die der Koalition abspenstig gewordenen Unionisten sind in ihrer großen Mehrheit durch Chamberlain, Bcilfour und Birkenhead wieder beruhigt worden. Nicht un- wesciulich hat dabei hinter den Kulisjen Norlhcliffe gegen den Ministerpräsidenten gewühlt. Der Zeitungskönig hat als Vorbereitung auf den kommenden Wahlseldzug Amerika, den Fernen Osten und die auf seinem Wege liegenden Teile des britischen Weltreichs besucht. Wie er den englischen Konsulardienst als unzulänglich hingestellt hat, so hat er überall, in Indien, in Palästina oder in Ägypten an dem Verhalten der Regierung etwas auszusetzen gehabt. Wenn die Krise dieses Mal noch beschworen worden ist, so hängt das hauptsächlich damit zusammen, daß kein Nachfolger Lloyd Georges zu finden war. Ohne einen Pariei- zusammenschlug irgendwelcher Art "kann eine dauerhafte Regierung in England heute nicht bestehen. Wie Churchill ausführte, paßt das System der zwei Parteien in normale Ver­hältnisse, nicht aber in aufgeregte Zeiten wie die gegenwärtige. Lloyd George wollte sich nach der Beilegung des Konfliktes zur Erholung nach Wales zurückziehen. Der Schritt Lord Readings, des Vizelönigs von Indien, auf Grund der Wünsche der indischen Muhammeonner eine Revision dsL Vertrages von Sövres im Sinne des nationalen Pakts der Türkei zu verlangen, darüber hinaus ober noch zu fordern, daß die Oberhoheit des Sultan-Khalifen über die Heiligen Stätten Mekka, Medina und dann Wohl auch Jerusalem wiederhergestellt werde, und die Veröffentlichung hat den Rücktritt des Staatssekretärs sür Indien Montagu zur Folge gehabt. Hier tritt der Gegensatz offen zutage, der zwischen den im Jndi.i Office sitzenden Anglo-Jndiern, den von Churchill vertretenen Verfechtern des arabisch-islamischen Gedankens und der türkenfeindlichen Curzon'sche» Politik besteht. Ein neuer, innerste Grundfragen des britischen Weltreichs berührender Reibungsherd ist ge­schaffen worden; die Stellung des Ministeriums kann dadurch wieder ernstlich erschüttert Werden, wie überhaupt wohl die Tage Lloyd Georges gezählt sein dürften. Ob er sich nach Genua oder erst nach den Neuwahlen, deren Termin allein wegen der irischen Ver­hältnisse nicht bestimmbar ist, vom Politischen Leben zurückziehen wird, ist allerdings noch nicht abzusehen.

Daß Genua ihm eine wesentliche Stärkung seiner innerpolitischen Lage bringen wird, ist kaum zu erwarten, nachdem Poinccnö in Boulogne den Sieg davongetragen hat. Die Absage der Vereinigten Staaten, sich in Genua aktiv zu beteiligen, betont denn auch, daß die Ausschaltung der wesentlichsten Vorfragen Genua gerade den wirtschaftlichen Charakter raube. Die dortige Tagung wird zu einem Politischen Instrument, genau wie es der Völkerbund geworden ist. Dafür, daß Frankreich die Vormacht in Europa bleibt, setzt sich Amerika mit seinen moralischen und wirtschaftlichen Hilfsmitteln nicht ein, ebenso­wenig wie es in Genf mitwirkt. Eine vernichtendere Kritik kann an Genua nicht geübt werden. Auch Dr. Nathenau vermochte in seiner ersten größeren Politischen Rede keine Positiven Erwartungen sür Genua auszusprechen, sondern begnügte sich mit dem Hinweis auf eine in ferner Zukunft vielleicht doch einmal möglicheHsranziehung Amerikas, des einzigen Landes, das über Kapital genug verfügt, um den alten Erdteil wieder in Gang zu bringen, aber in seiner Praktischen Gcschäftsart keine Lust verspürt, Geld in ein Unter­nehmen zu stecken, das aussichtslos ist, so lange Frankreich im Sinne Poincarüs die Hegemonie in Europa anstrebt.

Für den Beginn der Genueser Tagung ist der 10. April beibehalten worden. Italien hat hierauf Wert gelegt, denn das Kabinett Facta möchte diese Möglichkeit, Italien eine äußere Ehrung zu verschaffen, sich nicht entgleiten lassen. Das ans keinen starken Füßen stehende Ministerium braucht eine Hebung seines Ansehens. Von französischer Seile wird versucht, Italien für die Pariser Politik einzufangcn. Camille Barröre, der unter Briand abgehen wollte, ist in Rom wieder mehr denn je tätig. Daß die Volksstimmung ganz allgemein gegen Frankreich unfreundlich ist, entgeht diesem klugen Beobachter nicht, aber solche Stimmungen find in Italien nichts Ungewohntes, und Barröre bemüht sich, in den Kreisen der berufsmäßigen Politiker sür Frankreich zu werben. Die Ereignisse in Fiume, wo das Staatshaupt Zanelln von Faczisten vertrieben worden ist, haben bei den Süd­slawen Erregung ausgelöst. In Belgrad findet unter serbischem Vorsitz die bisher wieder­holt verschobene Vorbesprechung der Kleinen Entente statt, wobei zu beachten ist, daß Polen bei allen freundschaftlichen Worten für die Kleine Entente nicht in diese Kombination ein­tritt. Vielmehr bemüht es sich, auf Grund der finnisch-Polnischen Annäherung sich an die Spitze eines eigenen Bundes der baltischen Staaten zu stellen. Das Fernbleiben von der Kleinen Entente beruht weniger am Rücksichten auf Ungarn, als auf der Weigerung, sich der tschechischen Führung irgendwie unterzuordnen. Dem russischen Panslawismus, wie er

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