Willi Müller
Blicke in die ll)elt der tonangebenden pariser Gesellschaft zur Zeit des ersten Kaiserreichs
Der alte Geist in den neuen Salons
von Willi Mülle r
-^(ach den nicht gerade ermutigenden Erfahrungen, die man während der Zeit der kaleidoskopisch wechselnden Bilder, wie sie Jakobiuerherrschaft, Direktorium nnd Konsulat malten, mit dein Verfassnugslebeu der französischen Republik gemacht hatte, schien dem hochstrebenden Napoleon Bonaparte nnd seinem genialen Minister Tallcyrand das Wohl des Staates innerhalb des goldenen Reife? einer Krone am besten geborgen zu sein? nnd so vollzog sich die Metamorphose des zuletzt nur noch nominellen Triumvirates in die durch Volksbeschluß sauktionierte Monarchie, das Kaisertum, Aber wie vielfältig die inuerpolitischeu Zustände Frankreichs seit dem Ausbruch der Revolution sich auch verändert hatten — im gesellschaftlichen Leben der leitenden Kreije wirkten die lockeren Sitten des anoien r6^imL noch immer nach, und von einein Wandel der Moral, wie er er- fahruugsmäszig durch die Zeit bewirkt zu werdeu pflegt, war, zumal iu Paris, nichts zu spüren; es herrschte nach wie vor der nnabweisliche Draug, intensiv zu genießen nnd sich voll auszuleben. Und immer wieder taucht aus den chaotischen Strömungen der napoleonischen Tage die Frcm auf mit ihrem maßgebenden Einfluß auf alle möglichen Verhältnisse und besonders natürlich auf die mehr oder minder glückliche Gestaltung der Ehen. Selbstverständlich gab es während der Jahre des Kaiserreiches Eheleule, die. in ihreu Anschauungen und ihrer Lebensweise untadelig dastanden, uud es wäre uurecht zu leugnen, daß', so groß auch die Entfremdung mancher Gatten war, Verbindungen zwischen Mann und Frau existierten, die deu besten Traditionen entsprachen, Ehen, in denen die Gatten voller Liebe zusammen alterten wie Philemon uud Bancis und später der überlebende Teil sich nach orpheischem Muster au deu anderen klammerte, der nicht mehr war. Aber so ideale Zustände fanden sich nicht überall. Manche Schöne war als Tänzerin auf Bällen zwar von großem. Liebreiz nnd als Nachbarin beim Diner amüsant genug, hatte aber für die Häuslichkeit wenig Sinn und zog, verlockt durch die großeu Freiheiten, die die Frauen jener Tage genossen, pseudo-koujugale Uuterhaltuugeu eiuem geordneten Leben vor^ der Mann aber drückte wohl, falls nur öffeutlicher Skandal vermieden wurde, ein Auge zu, besonders wenn der Geliebte der Gemahlin den gesellschaftsfähigen Kreisen augehörte. Viele Lebedameu machten .sich die Weisheit der Sonnenuhren zu eigen: i^oras nc>n numero nisi sersnas, aber heitere Stunden- waren ihnen eben nur die unerlanbten erotischen Genüssen gewidmeten. Es gehörte znr napoleonischcn Zeit fast zu den Ehrentiteln schöner Fraueu, ciue nicht ganz makellose Vergangenheit zu habcu. Der Nimbus einer Tugendhaften wnrde getrübt durch den Verdacht, sie sei minder begehrt nnd daher der Versuchung weniger ausgesetzt gewesen. Natürlich sündigten anch die Männer, nnd hatte einer der Gatten die Ehe erst zu einein dreieckigen Verhältnis gestalte^ so wurde sie ganz von selbst leicht zum Viereck uud schließlich zum Polygou. Ja mau kann geradezu sagen: es herrschte in uranchen Ehen erst dann Friede, wenn der Mann seine Maitresse und die Frau ihren Liebhaber hatte. Und durch die häufigen Geldheiraten, die „Sterling-Lieben", wie Frau Elliot-Dalrymple, die ebenso wellerfahrene wie schöne Freundin des Prinzen von Wales, sie nannte, wurden solche Zustände begreiflicherweise geradezu großgezogen.
Reger gesellschaftlicher Verkehr begünstigte Extravaganzen aller Art. Napoleon hegte den Wunsch, daß alle Würdenträger seines Reiches, ein großes Haus machten, und nur gar zu gern entsprachen die Gattinnen dieser Herren der
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