Georg Klatt
Goethes Liebe zu Minchen Herzlieb
Von Georg Al-att
l.. Dichtung oder Wahrheit?
^)n welchem Verhältnisse Goeihe zu Minchen Herzlieb gestanden hat, welcher Art seine Gefühle waren, diese Frage ist wiederholt eingehend behandelt worden. Dabei ist es seltsam, zwischen welchen Gegensätzen sich die Antworten aus diese Frage bewegen. An Liebe grenzendes Wohlwollen, heißt es auf der einen Seite, glühende Leidenschaft, behauptet man auf der anderen. Nach den zur Verfügung stehenden Zeugnissen begreift sich das leicht. Soll hier nun zum soundsovielten Male das Für und Wider hin und her gewälzt und nach dieser oder jener Richtung eine „unwiderlegliche" Entscheidung unternommen werden? Die folgenden Betrachtungen setzen sich ein anderes Ziel. Es soll zu jener Frage ein grundsätzlich anderer Staudpunkt als bisher eingenommen werden.
Man möchte von der Frage ausgehen: War denn Minchen Herzlieb so geartet, daß sie Goethe geistig etwas zu bedeuten und ihn zu fesseln vermochte? Die Frage wäre falsch gestellt: eine eigentliche geistige Bedeutung war keineswegs dasjenige, was Goethes Gefühl erregte. Was ihn an Minchen Herzlieb anzog, kaun hier gar nicht in geistigen Eigenschaften, sondern nur in rein menschlichen Vorzügen gesucht werden, die sie in reichem Maße besaß. Allgemein wird ja ihre Anmut, ihr liebenswertes Wesen gerühmt, das auf alle, die ihr nahten, einen tiefen Eindruck ausübte. Geistig konnte sie ihm nichts bieten, was ihn ernsthaft hätte fesseln können. Wohl nahm sie dankbar die reichen Gaben an, die der Dichter im Gespräch mit verschwenderischer Hand mitteilte, aber den Reichtum recht zu würdigen, ihn zu verarbeiten, war sie nicht imstande. Das geht aus dem Tone hervor, in dem sie von Goethe spricht. „Goethe war aus Weimar herübergekommen," so schreibt sie am 10. Februar 1808 an ihre Freundin Christine Selig, „um hier recht ungestört seine schönen Gedanken für die Menschheit bearbeiten zu können und so denen, die sich so sehr bemühen, immer besser zu werden, auf den rechten Weg zu helfen und ihnen Nahrung für .Kopf und Herz zu verschaffen". Das klingt freilich recht jungmädchenhaft und läßt zwar eine kindliche Verehrung, aber nicht die Fähigkeit einer selbständigen Verarbeitung erkennen. Der Gerechtigkeit wegen mag hervorgehoben werden, daß sie in einem Briefe den Dichter Zacharias Werner in seinem närrischen und eitlen Wesen ganz austallend treffend beurteilt. Wenu Goethe ihr trotz dem Maugel eiuer wirklichen geistigen Bedeutung seine Neigung widmete, lediglich angezogen durch den weiblichen Zauber, der von ihr ausging, so mag das vielleicht anders sein, als wir es von Goethe erwarten oder wünschen möchten, aber wir müssen uns schon damit abfinden, anstatt an Goethes Wesen mit unseren Wünschen herummodeln zu wollen, die Tatsachen seines Wesens als gegeben anzusehen und aus ihnen unser Bild von ihm zu formen.
Sonderbar ist es, daß Goethe, der Minchen Herzlieb seit langem kannte so plötzlich von der Liebe zu ihr erfaßt wurde. Vielleicht spielt bei diesem Liebeserlebnis noch etwas ganz Eigentümliches mit. Möbius hat die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß in Goethes Leben Zeiten auftreten, in denen sich eine gewisse Erregung, die mit einer gesteigerten Tätigkeit verbunden ist, bemerkbar macht. Diese Zustände kehren erstaunlich regelmäßig in Abständen von etwa- sieben Jahren wieder. Mehrfach fällt in diese Zeiten ein Liebeserlebnis, das dann
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