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Das amerikanische Credo : (Schluß aus Heft 10). V. : Die Lynchjustiz
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H. L. Meuckeu, Baltimore

Das amerikanische (Lredo

von ^. L. Mencken, Baltimore

(Schluß aus Heft 10)

V.

Die Lynchjustiz

Die Lust des Pöbels an melodramatischen und barbarischen Schauspielen^ die auf diese Weise durch dcu Arm der Gerechtigkeit in den Vereinigten Staaten großgezogen und begünstigt wird, ist auch die Triebfeder eiuer anderen, in Amerika wohlbekannten Erscheiunug, nämlich der Lynchjustiz. Die nuermeßliche Lite­ratur über diesen Gegenstand beschäftigt sich in nicht geringen: Maße mit eiuer Erörterung der Ursachen dieser Vvlksjnstiz, aber sie ist zumeist unrichtig und- geflissentlich nnwahr. Die Mehrheit der aus dein Süden stammenden Kommen­tare führen als Grundmotiv der Lyncher das löbliche, sehnsüchtige Ver- langeu au,die Frauen des Südens zu verteidigen", trotz der offenkundigen Tatsache, daß überhaupt nur ein sehr kleiner Prozentsatz der aufgeknüpften oder verbrannten Neger angeklagt werden kann, die Weiblichkeit des Südens zu be­lästigen. Anderseits schreiben einige schwarze Intellektuelle aus deu Nvrdslaaten die häufig wiederkehrenden Metzeleien im Süden der wirtschaftlichen Eifersucht der dortigen Weißen auf die einheimischen Schwarzen zu, die schnell Landbesitz er­werben und sich die damit verbundenen Vorrechte anmaßen. Schließlich »vollen gewisse weiße Nordstaatler die Lynchjustiz in rein politischer Feindschaft begründen. Sie ziehen die Schlußfolgerung, daß der weiße Südländer den Neger haßt, weil dieser ihm, -- in der Theorie, an der Wahlurne gleichgestellt ist, während er in Wirklichkeit gar nicht zur Wahl zugelassen wird.

Alle diese Anschauungen sind, meines Erachtens, aus der Luft gegriffen. Die Lynchjustiz ist aus dem einfachen Gründe im Süden üblich, weil die ein­heimischen Volkskreise ganz ebenso, wie in anderen Ländern, an Schauer dramen ihre Frende haben, und weil die rückständige Knltnr dieser Gegend ihnen, kein anderes Schauspiel biete» kann. Zweifellos ließe sich ein Rückgang der Lynch­justiz ermöglichen, wenn man dort Wettkämpfe, Ballspiele (bass-bali) im großen Stil, Rummelplätze uach dem Muster von Couey Islands oder Dileltanten-Ning- kämpfe einführen würde. Auch Laudpartieu, wie die etwas derberen irischen, BruderschaftS-Vereine sie veranstalten und andere ähnliche Massenveranstaltungen, zur aufpeitschenden und' belustigenden Zerstreuung des Proletariats würden zwcisel. los sehr zweckeutsprecheud sein.

Die Lynchjustiz wird iu entlegenen, gottverlassenen Gegenden betrieben, wo die einzige ebenbürtige Unterhaltnng in einseitigen politischen Kampagnen, driit klassigeu Chantanqnas nud methodistischen Glanbenerweckungen besteht. Wenn diese Kunst in den Nordstaaten Nachahmung findet, so ist ihr Schauplatz stets irgend eine düstere, russige Fabrik- oder Bcrgwerksstadt. Es gibt selbstverständlich auch eiueu richtigem Rassenkrawall in den größeren Städten, aber er entlieh: immer ans wirtschaftlichen Ursachen nnd hat mit demLynchen" im eigeutlicheu Siuue uichts zu tun. Man könnte sich z. B. keine wirkliche Lynchnkrion in Atlantic City vorstellen, wo 10 oder 15 Musikkapellen in Betrieb sind, wo in jeder Straße eine heimliche Spielhölle zn finden ist, wo mindestens jedes zweite Häuserkarree sein Theater hat nnd der gedielte Fußsteig von Lebedamen wimmelt. Selbst der Staatsbürger aus Mississippi, der iu diese Umwelt versetzt wird, läßt, sich von der Vergnüguugsatmosphäre umnebeln und wird wohl keiueu moralischen, Koller gegen die armen schwarzen Neger bekommen.

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