Haupt mann u, D. Ritter
l^ek!exi0N8 sur l'art äe la ^uerre
Von Hcmptmann ci. T>. Ritters
Unter diesem Titel ist vor einiger Zeit im Verlag von Henri-Charles Lavauzelle in Paris ein Buch erschienen, das man wohl mit Recht als das Beachtenswerteste bezeichnen kann, was bisher die militärwissenschaftlicho Literatur Frankreichs als Frucht der Erfahrungen ans dem Weltkriege gezeitigt hat. Als Verfasser zeichnet ein General X. Z)., der, nach dem beigefügten Waschzettel, augenblicklich eine der höchsten Kommandostellen des französischen HeereS innehat. Ein bei dem gallischen Temperament äußerst seltenes Maß von Sachlichkeit, Vorurteilslosigkeit und Selbstkritik unterscheidet den Verfasser vorteilhaft von den tendenziösen und selbstgefälligen Elaboraten seiner Kollegen; mit solcher kühlen, nüchternen Beurteilung der Tatsachen verbindet er eine bemerkenswerte Fähigkeit zu logischem Denken und einen reichen Schatz persönlicher Kriegserfahrungen. Damit ist das Buch auch für uns von hohem Wert.
Der Inhalt entspricht nicht ganz dein sehr allgemein anmutenden Titel; statt der angekündigten, rein akademischen Betrachtungen über die Kriegskunst an sich bringt er in seinem Haupttcil eine Zusammenstellung der Lehren des vergangenen Weltkrieges für die Zukunft der französischen Heeresmacht und zwar zugeschnitten — das ist das Charakteristikum der ganzen Studie — auf den nächsten Krieg gegen Deutschland! Gegen das wehrlose, zerstückelte Deutschland! Wörtlich sagt der Verfasser (Seite 101): „I^lotre ennemi, malZre tous les traites, trouvera certaine- ment le mo^en äe recoristituer sa puissaries miliraire." Hier habeu wir die Grundlage des ganzen Buches (einen Beweis gefährlich nüchternen Denkens an sich). Und infolge seiner derzeitigen führenden Stellung im französischen Generalstab wird der Verfasser in der Lage sein, sie mit als richtunggebend für die heutige Politik Frankreichs durchzusetzen, eine Vermutung, die wir tagtäglich an den politischen Ereignissen bestätigt sehen.
Sehen wir von einigen einleitenden allgemeinen Betrachtungen über den Feldherrn, die etwas an die geistvolle Studie Graf Schliessens über diese Materie erinnern, ab, übergehen wir die für den Fachmann, der sich mit der Studie befassen will, hochinteressanten Ausführungen französischer Grundsätze über Befehlstechnik und Befehlsgliederung, so bleiben zwei Hauptteile übrig: die Organisation der militärischen, wirtschaftlichen und technischen Mobilmachung einerseits und die Gruudsätze des französischen Generalstabes über Strategie und Taktik, wie sie der Weltkrieg ergab, andererseits. Letzterer Teil enthält dabei versteckt bereits die Grundlinien des Overationsplancs für den künftigen deutsch-französischen Krieg, enthält ferner bedeutungsvolle Hinweise auf psychologischem Gebiet und schließlich interessante Gedanken über die Rolle und Zukunft der Technik in der Krieg- sührung.
Der Betrachtung des ersten Hauptteils darf man ein Urteil des Generals A. über französisches Organisationstalent (Seite W) voranstellen: „l)-ms ees äernieres annees, enac>ue tois qu'il kut question ä'or^sniser la piocluction, äe repartir les äenrees alimentaires et les matieres premieres, cle ravitsiller les reZions liderees, cle reeonstiruer notre eclikiee inciustriel, n'avons nous pas senil notre incapaeite ä orZaniser uns Affaire 6'ensemble?" Und (Seite 16): „lVesprit cl'orZanisÄtion est eontrmre au Zenie lle la raee. I^ous sommes, eomme nos sriLetres clu temps cle Lesar, leZers et brouillons," Und dem
*> Dl!M Verfasser des seinerzeit großes Aufsehe» erregenden ausgezeichneten Buches ..Kritik des Weltkrieges".