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Geographische Entnationalisierung
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Geographische Entnationalisierung

Geographische Entnationalisierung

von einem Südtiroler

Sommer des Jahres 1920 wandte sich der Präsident des italienischen Touring Club, Bertarelli, mit einer Broschüre an die Öffentlichkeit Italiens und rief den gesunden Menschenverstand gegen eine Maßnahme zu Hilfe, die nicht nur wie eine schreiende Anpreisung der Unklugheit ausschaute, sondern auch die wirtschaftlichen Interessen des Staates schwer schädigen konnte. Es handelte sich um die gewaltsame Abschaffung der gesamten deutschen geographischen Bezeich­nungen in Deutsch-Südtirol, um die durch einen Federstrich beabsichtigte Aus­tilgung einer viele Jahrhunderte, ja bis zu einem Jahrtausend alte Vergangenheit, um die Ersetzung aller deutschen bodenständigen Namen durch italienische. Jede Stadt, jedes Dorf, jeder Weiler, jedes Gehöft, jeder Berg, Hügel. Fluß, Bach usw. usw. sollte mit einmal seinen guten Namen verlieren und ihn durch einen andern ersetzt erhalten, der hier wie ein Hohn, dort wie eine Dummheit, an dritter Stelle wie ein schlechter Scherz klang. Der Vater dieses Gedankens, der ein Verbrechen an der Kultur gleichwie an der Geschichte darstellt, war und ist ein chauvinistischer Stubengelehrter die gefährlichste Spezies politisierender Unmenschen der sich schon während des Krieges in dieser Richtung betätigt hatte und schon im Jahre 1916 ein Heftchen voll der tollsten Einfälle niederschrieb, die sich dem kritischen Leser als Neubenennungen der deutschen geographischen Namen darstellen. Damals, im Jahre 1916, haben wir die Sache nicht sehr tragisch genommen. Wer hätte damals, nach dem siegreichen Vorstoß über die Hochfläche von Asiago, daran gedacht, daß ein solcher Unsinn jemals irgend eine Bedeutung oder gar Wirklichkeitswert haben sollte. Man lachte darüber, geradeso wie die Possenreißerei einiger österreichischer Schriftgelehrten, die im italienischen Landesteil aus einem Gardasee einen Gartensee, aus Riva Reif, aus Borgo Burgen, aus Caldonazzo Kalnetsch usw. fabrizierten und tatsächlich einige müßige Ohren in der obersten Heeresleitung fanden, die mit solcherart verdeutschten Karten Führung und Truppe vollkommen durcheinander brachten. Immerhin hatten diese Herrn eins für sich: diese Orte haben in der Tat einmal alle so geheißen und es war nur ein Ausgraben alter Folianten notwendig, um den Beweis dafür zu erbringen. Hätte es einen Fremdenverkehr gegeben und hätten nicht die italienischen Geschütze vom Monte Allissimo den Aufenthalt in Riva-Reif zu einem höchst fragwürdigen Genuß gemacht, so wäre man wohl bald darauf gekommen, daß niemand nach Reif, sondern jeder nach Riva wollte. Die höchst unzeitgemäße Neuerung verschwand bald wieder.

Heute ist es etwas anderes. Der vorerwähnte Stubengelehrte, übrigens ein eifriges Vorstandsmitglied des VereinsDante Allighieri." namens Professor Ekore ToIomei. hat es verstanden, seit den Tagen der Okkupation Südtirols die Gemüter mit dieser Frage zu erhitzen und aus ihr immer entschiedener ein politisches Lied zu formen. Es schien so, als hinge das Heil Italiens, die Sicherheit seiner Truppen und die Dauer seiner Herrschaft zwischen Brenner und Saturn davon ab, daß man den Deutschen möglichst bald ihre heimischen Orts­bezeichnungen nehme und ihnen sobald wie möglich quasi den Boden unter den Füßen wegziehe. Gelang es, so war nicht nur ein gewaltiger Schritt dem Ziele der Entnationalisierung näher getan, sondern es verwischte sich auch im be­freundeten Auslande immer mehr der schlechte Eindruck, den es machte, wenn

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