Beitrag 
Der Musikchronist
Seite
342
Einzelbild herunterladen
 

Schrenk

Der Musikchronist

von Schrenk

Im Vordergrund des Interesses steht die Frage, wer die Nachfolgerschaft Arthur Nikischs übernehmen soll. Je mehr man darüber nachdenkt, desto schmerzvoller fühlt man die Lücke, die der Tod dieses Einzigen hinterlassen hat. Das eine ist sicher: Unter all den Dirigenten, die in Betracht kommen, ist keiner, der die Universalität Nikischs be­säße, keiner, der uns das wiedergeben könnte, was wir an ihm verloren haben.

Leider taucht im Zusammenhang mit dieser Frage auch der Name eines Mannes auf, der bisher unserer Reichshauptstadt aus guten Gründen lange Jahre fern ge­blieben war, nämlich des Herrn Felix Weingartner. Dieser Mann, dessen Poli­tisches Verhalten nach dem Kriege unserem Vaterlands unendlich geschadet hat, kündete plötzlich, da er die Zeit Wohl für gekommen hielt, ein Konzert mit dem Philharmonischen Orchester an, obwohl ihm von maßgebenden Stellen bedeutet worden war, daß sein Vorhaben schärfste Opposition hervorrufen würde. In seinein Publikum hatte sich Herr Weingartner zwar nun nicht geirrt, denn es begrüßte ihn begeistert, desto mehr aber wird ihm die Haltung der Presse zu denken gegeben haben, die bis weit in die linksstehenden Blätter hinein sein Wiederauftauchen miß­billigte. Die Tatsache aber, daß er von dem großen Publikum jubelnd empfangen wurde, erfordert eine Prinzipielle Klarstellung der Sachlage, von der die Meisten offenbar mangelhaft unterrichtet sind.

Es handelt sich, kurz gesagt, um jenes bekannte Manifest der 93 Intellektuellen, das von einer Reihe bekannter deutscher Persönlichkeiten gegen die Behauptung unserer Feinde erlassen wurde, Deutschland hätte die alleinige Schuld am Kriege. Auch Wein­gartner hatte dieses Dokument unterschrieben. Was tat er aber nach dem Kriege, als er eine Dollarfahrt nach Amerika unternehmen wollte? Nun, man braucht nur die Broschüre Wider den Ausruf der 93", die 1920 er­schienen ist, zur Hand zu nehmen, um mit Staunen zu erfahren, daß er Deutschland und Preußen plötzlich aufs heftigste beschimpft. Man braucht nur gewisse Nummern des Neuen Wiener Journals", gewisse Jnter- wiews in ausländischen Zeitungen nachzu­lesen, um zu sehen, wie er in den uner­hörtesten Ausdrücken gegen uns gewütet hat. Und dieser Mann, der 1919, als er mit unserer Staatskapelle konzertieren wollte, von ihr eine deutliche Absage erhielt, wagt

es jetzt, lächelnd und als ob nichts geschehen wäre, auf dem Podium zu erscheinen. Wenn er Nikischs Nachfolger würde, so wäre das ein Affront sondergleichen. Er hat das Recht verwirkt, als Repräsentant deutscher Kunst aufzutreten, zumal auch seine künst. lerischen Leistungen auf bedenklichem Ab« stiege sind. Das bewiesen die beiden Konzerte, die er leitete, recht deutlich. Seine einstmals berühmte Beethoven-Jnterpretationist schwäch­lich und langweilig geworden; elegante kino- mäßig-posenhafte Haltung kann die innere Hohlheit nicht verdecken, und das jünglings­hafte Gebühren des Sechzigjährigen am Pulte wirkt peinlich. Wenn er Mozart dirigiert, so kommt dabei etwas ganz Iln- lebendiges, Pedantisch-Griegsgrämigss her­aus, und LisztsTasso" macht er zu einem aufgeblasenen, nichtssagenden Stück.

Nein, dieser Mann ist wirklich nicht der berufene Nachfolger Nikischs, da haben wir doch noch andere Geister, die den verwaisten Posten ausfüllen könnten. Man denkt zuerst an den Münchener Generalmusikdirektor Bruno Walter, der dem Philharmonischen Orchester in mannigfachem Zusammenarbeiten vertraut geworden ist. Wie Nikisch hat er einen leicht sentimentalischen Einschlag beim Musizieren, und groß ist seine suggestive Macht über das Orchester. Wir wissen außerdem, daß sein Herz für das Alte wie für das Neue schlägt, daß er Mozart und Mahler, Schubert und Schönberg mit gleicher Liebe aufführt. Auch Otto Klemperer aus Köln käme sehr ernstlich in Betracht. Ich bin sogar der Meinung, daß man mit beiden Händen zugreifen müßte, wenn man ihn bekommen kann. Die glühende, an Mahlers Art erinnernde Gewalt seines Musizierens, die sanatische Besessenheit seines Dirigierens, seine umfassendeBeherrschung der gesamten Orchesterliteratur machen ihn zu einem der ersten lebenden Meister des Takt­stockes. Natürlich wäre auch Wilhelm Furt- wängler zu nennen, solange er aber Diri­gent der Symphoniekonzerte der Staatsoper ist, kommt er als Leiter der Philharmoni­schen Konzerte nicht in Betracht. DaS wären so einige Namen; leicht könnte man ihre Zahl vermehren, zumal ja auch noch Strauß, Muck, Hausegger leben. Doch schon).fast zu lange haben wir uns mit diesen, für unser Musikleben allerdingshochbedeutsamenFragen beschäftigt und wenden uns nunmehr zu anderen Dingen.