Otto Brües
Dichter der neuen Jugend
von Otto Brües Ernst Bertram
„Es kennzeichnet die Deutschen, daß die Frage „Was ist deutsch!" bei ihnen niemals ausstirbt." Nietzsche
1^)on dem nach Köln berufenen Dichter, Literarhistoriker und Philosophen kann gesprochen ^ werden als einem Dichter neuer Jugend, denn er gehört zu den Männern mit aufbauender Gesinnung, wofern man dieses Wort nicht wirtschaftlich eng, sondern seelisch weit versteht. Seine Dichtungen kommen zunächst nur für wenige in Betracht, seine wissenschaftlichen Werke, zwar für den Laien gut lesbar, erfordern doch einige Vertrautheit mit dem Stoff, den sie behandeln: aber die Gesinnung, mit der diese Werke geschaffen sind, sollte, ein Pfaus der seelischen Erneuerung, alle die ergreifen, denen der Glanz des Führertums von der Stirn leuchtet. Jeder Satz, den er geschrieben, jeder Vers, den er gehämmert hat, ist eigentlich nur eine aus Qual und Zweifel heraus gefundene Antwort 'auf die wichtigste Frage unseres Seins und Werdens als Gemeinschaft'in einer Zeit jedweden Niederbruchs; die Frage: was ist deutschl Er meint und minnt nicht jenes Deutschland, das dem Mammon und dem Moloch Maschine erlag, das Deutschland des trügenden Fortschritts und des Stolzes auf äußere Güter: er meint" jenes fragwürdige Vaterland, das ewig unfertig und unruhvoll, den andern Völkern immer wieder Abscheu und Heiltrunk, Stein und Brot, Verwunderung und Kraftquelle ist und sich selbst ein schönes Rätsel. Es ist das Deutschland des vorurteilslosen Geistes, der jede andere Volksart zu verstehen sucht und in sich aufnimmt, das Deutschland der liebenden Seele, die, sndsüchtig oder fliehend vor sich selber, in ihres Werdens Gipfelstunden nur voll Demut und voller Schauer zu bekennen wagt: „Ich bin deutsch!"
Mit dcm zeitgemäßen Deutschtum der Schreier auf den Straßen, der Mouolelführcr und patriotischen ErwerbSgesellfchaften und der Parteien hat dies Deutschland nichts zu tun; aber noch weniger mit dem Deutschland der internationalistischen Flachköpfe, der Konjunkturversöhner und der vor dem letzten Einsatz bangenden Schwächlinge. Sie alle, die auf ihre alleinseligmachende Art des Deutschtums Pochen, stehen nicht einmal au der Schwelle Deutschlands.
„Hier ruht die Erde ungeschändet Von Wirklichkeit: als Bild und Raum."
Lrnst Bertrain
Sein deutsches Wunschbild — und es ist immer die Aufgabe des auf verlorenem Posten kämpfenden Idealisten, die Idee der Zeit voranzuwerfen — sein reinstes Bild deutscher Art hat Bertram entworsen in seinen zwei Gedichtbändeu. Gedicht ist ihm nicht die Aussprache irgend eines privaten Erlebens, sondern dessen Nundung zu einem Symbol, das Fernsichten ahnen, Geheimnisse l»cken, Rätsel keimen läßt, unter Verzicht auf mechanisch «intellektuelle Lösung als gewachsene Erlösung. Er malt das Bild der Zeder als Inbegriff langsam-steten Werdens, weitet die „Weingrenzo" zur schmerzlichen Scheide zwischen Nord und Süd, Traum und Wachen, Wahrheit und Schönheit, deutet die Sendung Noahs als des Trägers neuer Paradiesesherrlichkeit, das Bild Arions und des Delphins als das des Dichters, den nur seiu ungesungenes Lied im Grauen des Daseins lebendig erhält. In dem Gedichtband „Straßburg" singt er ein Lied um die verlorene Stadt, die „Helena des Abendlands", um die immer wieder ein trojanischer Krieg entbrannt sei. Jedes dieser Gedichte wieder Gleichnis und Deutung. „Straßburg", gleich deutschem Wesen, da du unser bleibst „durch Abschwörung deiner selbst"; Erwin gleich jedem Idealisten und Träumer in die Zukunft; „jeden Traumes Los ward deinem Hochwerk, Trümmer im Triumph." Sankt Michael reiht sich an mit andern, „ewig durchbohrend Tiefgctier der Welt". Die Chimäre» am Münster Gleichnis dem Bösen, das „dienend lobt den Herrn und mörtelt Gottes Pfeiler". Dann jenes wunderbare Wort von der Vogeseniette: „Hoher Wald, du reine Grenze unsers lieben Lauts, dciS schöne Deutbild der Berner Alpen, in dem mit dem Anblick der Blauberge, die die Südgrenze sind, dem Dichter der geliebte Gegensatz des eignen Wesens aufgeht. Wunderbar dann jenes Gedicht und Gleichnis des Otfried, der die Bibel in deutsche Worte und deutschen csinn übertrug: „Soll endlich nicht volldomiernder zum Ohr gewappnet nahn
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