Grete von Urvanitzky
Das religiöse Erlebnis und der Mensch unserer Zeit
Von Grete von Urbanitzky
^lus der Not unserer Zeit, aus dem Markt- und Maschinenlärm unseres Lebens — ruft und klagt die Stimme eines Heimwehs, das allzu lange schlief. Heimfinden in eine Gebundenheit und ein Erlösen hoch über dem Chaos dieser Zeit ist sein Ziel. Mit einer Inbrunst, die nns lauge fremd gewesen, suchen wir wieder das religiöse Erlebnis.
Noch ist der Inhalt dieser Bewegnng, die dnrch das überlante Wesen einer sich auf allen Gebicteu uuseres öffentlichen Lebens breitmachenden, durch Korruption emporgehobenen Bevölkerungsschicht Wohl scheinbar überschrien, aber doch nicht verwirrt werden kann, — noch nicht in ihren Grenzen und Tiefen zu erfassen, doch können wir die Urgründe dieser Bewegung, die uns über deren Wesen manches zu sagen vermögen, in ihren großen Umrissen bereits erkenn«?. Den ersten Anstoß zu dem Heimweh nach dem religiöseu Erlebnis gab der nicht nur von einzelnen, sondern fast von allen europäischen Menschen, wenigstens dunkel empfundene änßerliche Bankerott des Christentums im Weltkriege. Daß dieses Empfinden, wenn auch dunkel und nur von wenigen ausgesprochen, richtige Wege tastend ging, beweist der Umstand, daß nicht das Christentum als solches als bankerott empfunden wurde, weil es den Weltkrieg uicht verhindern konnte, sondern die änßerliche Art, die das Christentnm des enropäischen Menschen angenommen hatte, jene Art, die sich in der rein formalen Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche genug sein ließ und welcher der Inhalt der christlichen Lehre mit wenigen Ausnahmen uicht zum religiöse» Erlebnis und sittlichen Imperativ wurde. Der Bankrott dieses äußerlichen, im letzten Sinne autichristlicheu Christen- tnms erwies sich sicherlich weniger in dem von Pazifisten überlaut hervorgehobeneu Widerspruch, daß es Angehörigen christlicher Völker zur Pflicht wnrde, einander zn töten - schon deshalb nicht, weil die Völker selbst diesen Krieg nicht gewollt oder verschuldet haben — zum anderen, weil sich auf eine Erfüllung der vaterländischen Pflicht noch immer das Christnswvrt „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist!" auweudeu ließe. Wohl aber trifft die volle Wncht des Fluches, das religiös sittliche Ideal des Christentums verraten zn haben, jene, die nm machtpolitischer Vorteile willen diesen Krieg dnrch Tnn oder Unterlassen verschuldet haben, jene, die dabei die Schuld des Tötens nicht mit dem Opfermute des Sterbcnwollens für eine Idee zn sühnen bereit waren. Wiederum ein Verbrechen an der christlichen Idee ist aber heute das Bemühen politisierter Menschen, das religiöse Erwachen der deutschen Volksseele in politische Bahnen zu lenken und den Inhalt der Heilandsworte für die Propagierung ihrer politischen Bestrebungen zu mißbrauche«. Der Kommnnismus, der sich gerne selbst als praktisches Christentum bezeichnet, seine Ideen aber mit Brand nnd Totschlag zn verwirklichen bestrebt ist, versucht namentlich in seinen literarischen Vertretern das religiöse Bedürfnis,., des Volkes für seine Zwecke zu mißbrauchen. Den Znsammenbruch der nur äußerlichen Zusammengehörigkeit zum Christentnm erwies aber vor allem der schrankenlose Materialismus/der sich während dieses Krieges überall breit machte nnd der den aufflammenden Opfermut für die Idee der Heimat nnd des Vaterlandes mit einer Bestialität des Denkens nnd Handelns schändete, deren bezeichnendster Ansdruck die graueuhafte Worterfiudnng „Menschenmaterial" wurde.
Zu dieser Erkenntnis, welche durch die nach dem Kriege immer schamloseren Siege des Mammonismus und sittenloser Lebensauffassung noch verstärkt wurde, nnd die Sehnsncht nach wirklicher Religiosität und den reinigenden Ideen eines nicht nnr äußerlichen Christentums in den Besseren erweckte, gesellte sich das
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