Das amerikanische Credo
Das amerikanische (Lredo
von ^. L. Mencken, Baltimore (Fortsetzung aus Heft 9)
Amerikanischer Pöbel
ü^ie gesagt, die Gefahr, die von diesen verständnislosen Buchstabenkrämern ausgeht, ist für einen demokratischen Staat viel größer, als für jedes andere Regierungssystem. Eine aristokratische Regierung, wie sie z.B. vor dem Kriege in der einen oder anderen Form in England, Deutschland, Italien und Frankreich am Ruder war, kann jedem Doktrinär verhältnismäßig die Zügel schießen lassen. Denn selbst, wenn es ihnen gelingen sollte, den Pöbel zu ihrem Unsinn zu bekehren, müssen noch viele unüberwindliche Hindernisse genommen werden, ehe dieser theoretische Kram Geltung gewinnt und als Gesetz durchgeführt wird. Wie allgemein bekannt, bildete in England die herrschende Kaste dieses Hindernis, eine im Oberhause fest verankerte und im Unterhause fast ebenso mächtige Kaste, die für das Regierungsgeschäft eine besondere Gewandtheit besaß und bei den weitesten Volks- kreisen großes Vertrauen genoß. In Deutschland und Italien bildete die Aristokratie dieses Hindernis, die sich hinter schlau ersonnenen Gesetzen zur Vernichtung der numerischen Überlegenheit des Pöbels und hinter monarchistischen Theorien verschanzte, welche ein starkes Gegengewicht gegen die öffentliche Meinung bedeuteten. Angesichtsso geschickter Manöver, um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, ist es verhältnismäßig gleichgültig, ob der Pöbel abwechselnd zuckersüß und bitterböse ist. Gleichviel wie überspannt seine Marotten sind, es gibt immer noch einen wirksamen Mechanismus, nm sie in Schach zu halten, bis sie sich von selbst ausgetobt haben, was meist bald genug der Fall ist. So bot die englische Regierung den Anarchisten, obwohl sie ihnen theoretisch ebenso wenig hold ist, wie die amerikanische Regierung, vor dem Kriege ein freundliches Asyl und erlaubte ihnen fast unbeschränkt, ihre jämmerlichen Ideen zum besten zu geben, während sie in Amerika bald große Befürchtungen erregten nnd ihnen gleich solche gesetzlichen Beschränkungen auferlegt wurden, daß eine Propaganda fast unmöglich war. Sogar in Frankreich, wo sie viele neue Anhänger fanden und häufig ihr, Wesen trieben, wurde ihnen viel mehr Gastfreundschaft zuteil, als in den Vereinigten Staaten. Und so wurde den Sozialdemokraten in dem Deutschland der Bis- marckschen Ära nach einem kurzeu, unglücklichen Unterdrückungsversuch gestattet, sich frei zu bewegen, trotz der Tatsache, daß ihre Lehre den amtlichen Vorschriften in Deutschland ebenso zuwider lief, wie die Grundsätze der Anarchisten den amtlichen amerikanischen Vorschriften. Die in Deutschland herrschenden Kreise jener Tage waren hinter Sitten und Gesetzen verschanzt, die es ihnen, selbst angesichts der ungeheuren sozialdemokratischen Mehrheit ermöglichte, den Sozialdemokraten die Krallen zu beschneiden. Aber in einem demokratischen Staate ist es schwierig und oft durchaus uumöglich, der jeweiligen Narretei des Volkes einen erfolgreichen Widerstand zu bieten, es müsseu künstliche Mittel angewendet werden, um die Gimpelfänger zu zügeln, die derartige Begeisteruugeu anzufachen snchen.
Die zitternde Furcht vor dem Bolschewismus, die in letzter Zeit bei amerikanischen Kapitalisten in Erscheinung trat, beruht auf einer wirklichen Gefahr. Diese Kapitalisten sind durch die Weißglut der Rooseveltschen Trust-Zerstörungswut und der Bryanschen Demokratie-Manie hindurchgegangen, und sie wissen sehr wohl, daß ein halbes Dutzend Männer vom Schlage Lenins und Trotzkis, — wenn sie auf die Volksmassen losgelassen werden, — schnell eine Mehrheit zum Kreuzzug gegen den Kapitalismus zusammenbringen können, und dcH sie auch die politische Macht besitzen, diesen heiligen Krieg zu einem Vernichtungskrieg zu machen. .....
2Z 5