Der Formalismus der Internationalen
T)er Formalismus der Internationalen und die geschichtliche Auffassung *)
Von Prof. G. v. Below in Freiburg i. B.
F. Kern hat im ersten Heft des neuen Jahrgangs der „Grenzboten" ein grundlegendes Thema der geschichtlichen Auffassung behandelt. Solche Erörterungen tun heute doppelt not, wo man sich bemüht, uns eine parteiamtliche, der sachlichen Begründung entbehrende Geschichtsauffassung aufzudrängen. Sie sind aber auch darum wichtig, weil die verschiedenen Geschichtsauffassungen ja die Gegensätze unseres öffentlichen Lebens widerspiegeln. Im folgenden möchte ich die Aufmerksamkeit auf den Gegensatz zwischen dem internationalen Formalismus und der echt historischen Auffassung lenken.
Der viel besprochene Freiburger Universitätsstreit (eine gut unterrichtende Darstellung desselben siehe in den „Akademischen Blättern" vom 1. Januar) wurde durch einen Artikel des Juristen Kantorowicz „Bismarcks Schatten" in den „Basler Nachrichten" veranlaßt, der jetzt auch im Sonderdruck (Freiburg i. B.. Bielefeld; Preis 1,50 M.) erschienen ist. Wir äußern uns nicht näher über den Geschmack, der darin liegt, diesen Artikel in eigenen Verlag zu nehmen. Nehmen wir an. der Verleger wollte ein Übungsstück mit besonders reichen Fehlerquellen den höheren Schulen und akademischen Seminaren zur Verfügung stellen. Hat man den Unwillen, den der Artikel hervorruft, überwunden, so wird man finden, daß er sich für jenen Zweck in der Tat eignet. Die Anschauungen der Formaldemokratie, des Pazifismus, Defaitismus, des gesamten Internationalismus, die ja weit verbreitet sind, werden kaum irgendwo so kraß formuliert, wie in dem Artikel von Prof. Kantorowicz, und eben deshalb sollte man ihn in Übungen zugrunde legen, um an ihm den Gegensatz zur geschichtlichen Auffassung aufzuzeigen.
Ich möchte hier von den vielen kritischen Stimmen über den Artikel von Prof. Kantorowicz die Äußerungen ein es Heidelberger Kollegen in der volksparteilichen „Badischen Post" anführen, da sie das Formalistische der Kantorowicz'schen Auffassung gut charakterisieren. „Die Schwäche der Kantorowicz'schen Deduktionen scheint mir in der Ausschließlichkeit der moralischen Perspektive und dem völligen Mangel historischen Verständnisses zu liegen. Gewiß ist es möglich, auch große historische Persönlichkeiten unter die Lupe einer an einem absoluten Matzstab orientierten Ethik zu nehmen. Nur der Erkenntniswert des Ergebnisses scheint mir problematisch zu fein. Historische Größe eignet demjenigen, der mit Hilfe eigner Fähigkeiten eine große historische Mission zu erfüllen berufen war. An diesem Urteil sind moralische Reflexionen ganz unbeteiligt. Nun will freilich Prof. Kantorowicz gerade gegen die amoralische Betrachtungsweise ankämpfen; er sieht das Charakteristikum unserer Zeit in dem Durchbruch sittlicher Ideen unter den das Weltgeschehen bestimmenden Mächten und das wichtigste Erfordernis deutscher Politik darin, sich auf diese neue Epoche einzustellen. Ich halte jene Auffassung für einen ideologischen Irrwahn und infolgedessen die daran geknüpften Forderungen erfüllbar nur auf Kosten unserer nationalen Würde. Das ist, kurz gefaßt, der Gegensatz, über den zu diskutieren wäre.
*) Wir geben im Freiburger Universitätsstreit hiermit dem Vertreter der nationalen Richtung das Wort. Die Schriftleitung.
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