Georg Cleinow
Lenin
Verbrecher, Gottesgeißel, Befreier?
Von Georg (Lleinow
Die nachfolgende, hier veröffentlichte Arbeit ist ein Niederschlag aus Untersuchungen, die der Verfasser zur Vorbereitung einer Studienreise nach Sowjet-Rußland vorgenommen hat. — Wir hoffen, unsern Lesern im nächsten Quartal eine Reihe von Berichten über die Studienreise vorlegen zu dürfen. Die Schriftleitnng
I.
Äurch die Gesellschaften, Zirkel, Vereinigungen und sonstigen Sammelplätze der russischen Emigranten fließt, sie mit frischem Lebensmut füllend, gegenwärtig eine Stimmung, die lebhast an das hoffnungsvolle Aufatmen gemahnt, das der Deutsche aus den Februar-Märzmonaten der Jahre 1915 und 1916 kennt. Damals wünschten wir uns den Sonderfrieden mit Nußland und weil wir glaubten^ darauf hoffen zu können, fühlten wir, daß er kommen werde: bald nach Ostern I Damals war ja der Wahnsinn der polnischen Politik in Berlin noch nicht zum Durchbruch gekommen! — Jetzt geht es den Vertretern des alten Rußland in der Emigration so ähnlich mit dem Sowjetregiment, wie seinerzeit uns mit ihnen. Zu Ostern darf der Russe wünschen, und der russische Emigrant wünscht das Verschwinden Lenins und weil er's wünscht, ist er auch überzeugt, daß Sowjet- rußland erledigt ist: bald nach Ostern I spätestens zur Erntezeit! Der Haß der russischen Flüchtlinge ist verständlicherweise ganz außerordentlich groß. Darum klammern sie sich an alles und jedes: Lenin, sagen sie tief überzeugt, weiß nicht mehr ein noch aus; auf den Niedergang der Landwirtschaft verweisen die meisten: „1922 hungern", sagt ein Prophet, „nicht neunzehn, nicht achtundreißig Gouvernements, sondern hungert ganz Rußland." Die führenden Politiker, jene hauptsächlich, die Rußland von seiner natürlichen Anlehnung an Preußen- Deutschland fort an die Seite Frankreichs geführt haben und damit in den furchtbaren Krieg für fremde Interessen, versprechen, daß, sobald der Frost aushört, Sowjetrußland den Fang bekommt: in Karelien hat's schon angefangen! Polen will endlich seine sichere Ostgrenze hoben, Rumänien endlich Ruhe in Betzarabien! Sie versprechen jetzt den Sturz Lenins — natürlich unter des edlen Frankreich Führung — wie sie vor acht Jahren dem an sich friedliebenden Volke versprachen, es würde in Berlin einziehen. Dann wollen sie Nußland aufbauen, woran die Bolschewisten sie vorläufig hindern. Das Wiederaufleben der Kadettenpartei in Berlin unter Miljukows Führung steht mit der gekennzeichneten Stimmung in engem Zusammenhange. Die gesteigerte Tätigkeit der sozal-revolutionären Partei in Prag und in den Randstaaten entspringt denselben Hoffnungen.
Die Emigrantenpresse, von keiner Zensur gebremst, wie die unsrige 1915 und 1916, gibt den herrschenden Grundstimmungen leidenschaftlichen Ausdruck: Mereschkowski, ein literarischer Vertreter reinen Christentums, fährt seit Maxim Gorkis Auftreten im Herbst vorigen Jahres wie ein wütendes Tier durch Europa: laßt es verhungern, das Volk, gebt nichts dem Antichrist, die Hungersnot ist Lüge! Der Dworjanin (Adlige) N. A. Pawlow aus dem agrarkonservativen Kreise der berühmten „Moskowsklja Wjedomosti" KatkowS und Gringmuths weiß aus
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